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Mikrofinanzen : „Yunus ist ein bißchen marktschreierisch“

Zeitingers Bank - Filiale in Ecuador Bild: Pro Credit

Mit Kleinstkrediten hilft Claus Peter Zeitinger Armen aus finanziellen Engpässen. Nicht als Wohltäter, sondern als Geschäftsmann. Mit deftigen Thesen gegen Nobelpreisträger Yunus, der an diesem Sonntag seinen Preis erhält, geht er nicht gerade sparsam um.

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          Claus Peter Zeitiger läßt sich nur ungern mit Muhammad Yunus vergleichen, auch wenn er einen ganz ähnlichen Beruf hat. Zeitinger ist der Chef von 19 Banken, die Mikrokredite für arme Bevölkerungsschichten anbieten - in Afrika, Südamerika und Osteuropa. Doch anders als Yunus macht er ordentlich Gewinn mit seiner Bankengruppe „Pro Credit“. Den Vergleich mit dem Volkswirt aus Bangladesh, der an diesem Sonntag den Friedensnobelpreis erhält, scheut der Frankfurter Banker weniger aus Bescheidenheit. Zeitiger will für eine andere Philosophie stehen.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          „Es ist ok, wenn der Friedensnobelpreis für so etwas verliehen wird“, sagt er. Die Methode, mit der Yunus Kredite an die Armen vergibt, hält er allerdings für längst nicht mehr zeitgemäß. „Was die Grameen Bank macht ist nicht nachhaltig, es ist sogar ziemlich ineffizient“, glaubt Zeitinger. Yunus selbst hält er für „ein bißchen marktschreierisch“.

          „Permanent am Staatstropf hängen nur die wenigsten“

          Harte Thesen. Doch in der Tat hat sich seit Gründung der Grameen Bank 1976 einiges getan und Zeitinger ist nicht der einzige, der Yunus' Ansatz für ein wenig antiquiert hält. Aus der Idee des frischgebackenen Nobelpreisträgers ist inzwischen ein beachtlicher Markt für Finanzdienstleistungen entstanden, der die Armen als Zielgruppe hat. Ein Markt jenseits von Halblegalitäten, Dorfwucherern und astronomischen Zinsen. Ein echter Markt mit Banken, Versicherungen, Fonds, Beratern und allem was dazugehört.

          Zubaida Alifa Hassane hat mit Hilfe von Kleinstkrediten in Mozambique einen Marktstand eröffnet
          Zubaida Alifa Hassane hat mit Hilfe von Kleinstkrediten in Mozambique einen Marktstand eröffnet : Bild: Pro Credit

          Die allermeisten Mikrofinanzinstitutionen verdienen nach Aussage der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) inzwischen genügend Geld, um sich selbst zu tragen oder gar Gewinne abzuwerfen. „Fast alle sind natürlich auf staatliche Anschubfinanzierung angewiesen“, sagt Gabriela Braun, Leiterin des Bereichs Finanzsystementwicklung bei der GTZ. „Aber die moderne Art, Mikrokredite anzubieten ist, daraus ein nachhaltiges Geschäft zu machen. Permanent am Staatstropf hängen nur die wenigsten.“

          Kein „Päppler der Armen“

          Bei Zeitinger ist es ganz ähnlich gewesen: Seit Gründung seiner Bankengruppe vor acht Jahren hat er rund 50 Millionen an staatlichen Subventionen einkassiert. Inzwischen aber sind 18 seiner 19 Banken profitabel. Und darauf ist er ganz schön stolz. In jedem zweiten oder dritten Satz benutzt Zeitiger das Wort „Effizienz“. Wäre da nicht sein Outfit - verwaschene Jeans und weit aufgeknöpftes Hemd - man würde ihm nicht abnehmen, daß er sich als alternativen Alt-68er einschätzt.

          Er wehrt sich dagegen, daß manche Leute ihn als „den Päppler der Armen“ sehen. Zeitinger ist nicht wohltätig, er ist Geschäftsmann, „und wenn beim Geschäftemachen was Wohltätiges rauskommt, umso besser“. Der Markt, der könne das schon ganz gut, glaubt der Banker, und warum die Armen vom Markt für Finanzdienstleistungen ausgeschlossen bleiben sollten, nun, das muß ihm erst mal einer plausibel erklären.

          Zinsen im Schnitt bei 20 Prozent

          Die tatsächliche Größe der Branche ist schwer zu beziffern, da viele Klein- und Kleinstorganisationen statistisch nicht erfaßt werden. Die Consultive Group to Assist the Poor (CGAP) spricht von mehr als 2700 bekannten Mikrofinanzinstitutionen weltweit. Weniger als die Hälfte dieser Anbieter berichtet über ihre Kundenzahlen: 94 Millionen Menschen haben demnach im Jahr 2004 Mikrokredite in Anspruch genommen. Wenn es um das Kreditvolumen geht, das in Form von Klein- und Kleinstkrediten weltweit im Umlauf ist, tappen die Statistiker noch stärker im Dunkeln. Daten existieren gerade mal über 556 Anbieter, das ist etwa ein Fünftel der tatsächlich existierenden Mikrokrediteinrichtungen, berichtet CGAP-Sprecherin Jeanette Thomas. Diese 556 Mikrofinanzinstitutionen hatten im Jahr 2005 ein Kreditvolumen von etwa 13,4 Milliarden Dollar in den Büchern stehen.

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