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Migrationsforscher Borjas : „Eine Million Flüchtlinge sind gewiss zu viel“

Ha, Cards Studie war höchst einflussreich. Heute würde man sie nicht mehr so machen. Ich habe 2015 aus den gleichen Datensätzen in einer repräsentativen Studie herausgefunden, dass die Löhne der Unqualifizierten im Miami dramatisch gesunken sind durch die kubanische Konkurrenz. David Card hatte nicht die unqualifizierten Arbeitnehmer, sondern den gesamten Arbeitsmarkt von Miami untersucht, der allen möglichen Einflüssen unterlag. Ich habe ohnehin folgende Feststellung gemacht, was die Immigrationsforschung generell angeht: Sobald man näher an jene Gruppen herangeht, die von Immigration betroffen sind, desto klarer werden die Ergebnisse, desto deutlicher sieht man die Verlierer.

Gibt es nach Ihrer Ansicht ein Bedürfnis der Eliten, die Herausforderungen, die mit Migration verbunden sind, herunterzuspielen?

Ich arbeite an einen Buch, das dieses Jahr erscheinen wird. Darin dokumentiere ich Vorfälle, in denen die von Politik und Medien verbreitete Aussage, Immigration sei gut für alle, durch manipulierte Daten untermauert wird und durch die Tendenz, unbequeme Fakten zu verheimlichen.

In Amerika findet Donald Trump im Vorwahlkampf überraschend starke Zustimmung mit abwertenden Bemerkungen über Mexikaner und den Ankündigungen, er werde eine Mauer zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko errichten und elf Millionen Illegale aus Amerika ausweisen. Warum findet er so viel Zuspruch?

Die Amerikaner reagieren so zustimmend, weil sie das Gefühl plagt, Amerika habe die Kontrolle über seine Grenzen verloren. Jetzt wurde eine Regierungsstudie öffentlich, der zufolge aktuell eine halbe Million Menschen in Amerika geblieben sind, obwohl ihr Visum abgelaufen ist. Das verstärkt das Gefühl des Kontrollverlusts. Es berührt die Frage der Souveränität eines Landes. Die Amerikaner wollen nicht in einem Land mit offenen Grenzen leben.

Sie fordern aber keine Mauer, oder?

Ich weiß nicht, welche Politik die beste wäre. Wer das Immigrationssystem reformieren und auf die Sorgen vieler reagieren will, muss zunächst Vorschläge präsentieren, wie er die Zuwanderung unter Kontrolle bekommt. Sobald das Gefühl da ist, dass die Regierung die Kontrolle zurückerlangt hat, wird sich die Wahrnehmung der Immigration dramatisch ändern: Die Leute werden viel eher bereit sein, die Vorzüge der Einwanderung zu würdigen.

Sie sehen eine Verbindung zu Deutschland?

Deutschland hat die Kontrolle über seine Grenzen verloren, Ganz Europa hat die Kontrolle verloren. Das ist ein Teil des Problems. Ab wann überfordert eine hohe Anzahl an Flüchtlingen ein aufnehmendes Land? Sind zehn Millionen zu viel? Oder hundert Millionen?

Was ist Ihre Antwort?

Ich weiß es nicht. Eine Million ist gewiss zu viel, wenn man die politische Reaktion in Deutschland in Betracht zieht. Amerika lässt genauso viele ins Land, hat aber eine viermal so große Bevölkerung. Der Kontrollverlust hat soziale und politische Konsequenzen. Es erstarken Kräfte, die die politische Landschaft völlig verändern könnten. Darüber sollte sich Deutschland Sorgen machen.

Ist nicht alles viel einfacher: Die Flüchtlinge sind in Not, sie brauchen Hilfe?

Ich sympathisiere mit den Flüchtlingen. Ich bin schließlich selbst einer. Nur: Die guten Taten haben Folgen. Dafür will ich sensibilisieren.

Einverstanden. Aber Deutschland hat nun einmal die Flüchtlinge. Sie werden nicht ausgewiesen werden. Also wird man pragmatisch mit der Herausforderung umgehen müssen. Wie am besten?

Bevor man sich Gedanken über die beste Integrationspolitik macht, muss man die Zuwanderung unter Kontrolle bekommen. Wenn Deutschland das nicht in Griff bekommt, muss sich das Land statt über eine Million nächstes Jahr über zwei oder drei Millionen Flüchtlinge Gedanken machen. Damit wäre das Land überfordert.

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