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Migration nach Maß (5) : Großbritannien erlebt eine Einwanderungswelle

Bild: FAZ.NET

Seit der EU-Osterweiterung wandern so viele Menschen nach Großbritannien ein wie selten zuvor. Polen, Tschechen, Slowaken und Litauer Schlange vor Baustellen und Baumärkten. Die Briten registrieren das mit gemischten Gefühlen.

          5 Min.

          Tony Adams hat keine Schwierigkeiten, Bauarbeiter zu finden. Seit das Vereinigte Königreich den Arbeitsmarkt für Arbeitskräfte aus Osteuropa geöffnet hat, stehen Polen, Tschechen, Slowaken und Litauer Schlange vor britischen Baustellen und Baumärkten. An einem Morgen hätten ihn 20 Männer nach Arbeit gefragt, erzählt der Unternehmer. Arbeit hatte er nur für drei. Die Osteuropäer sind heiß begehrt auf der Insel. "Ich stelle sie nicht ein, weil sie billiger sind, sondern weil sie besser sind. Die Engländer beschweren sich nur und wollen halb so viel arbeiten für doppelt so viel Lohn."

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Nach Großbritannien wandern derzeit so viele Menschen ein wie selten zuvor. Im vergangenen Jahr kamen 223 000 mehr Ausländer in das Vereinigte Königreich als es verließen. "Das ist vermutlich die größte einzelne Einwanderungswelle, welche die britischen Inseln jemals erlebt haben", sagt John Salt, Einwanderungsexperte am Economic and Social Research Council. Die Zahl ausländischer Arbeitskräfte sei auf den Rekordwert von 1,5 Millionen gestiegen. Damit liegt der Anteil der Ausländer an der Erwerbsbevölkerung bei knapp 5 Prozent. Das ist verglichen mit den rund 9 Prozent in Deutschland zwar wenig. Allerdings ist die britische Bevölkerung eine buntere Mischung verschiedener Nationen. Einen britischen Paß können Immigranten bereits nach fünf Jahren Aufenthalt im Land relativ einfach bekommen.

          Mehr als 300.000 Osteuropäer zugezogen

          Salt macht die Ost-Erweiterung der EU für den Zustrom verantwortlich. Großbritannien, Irland und Schweden haben als einzige sofort ihre Arbeitsmärkte für die neuen EU-Bürger geöffnet. Schätzungen zufolge sind seitdem mehr als 300.000 Osteuropäer zugezogen. Vor allem Polen versuchen auf der Insel ihr Glück. Vom britischen Gehaltsniveau können sie in ihrem Heimatland nur träumen - wenn sie dort bei 16 Prozent Arbeitslosigkeit überhaupt eine Arbeit finden.

          Brick Lane in East London: Zentrum der Einwanderer aus Bangladesch
          Brick Lane in East London: Zentrum der Einwanderer aus Bangladesch : Bild: dpa

          Bald könnten die Polen sogar die Iren als größte Ausländergemeinde ablösen, erwartet Salt. Überall auf der Insel ist gebrochenes Englisch mit polnischem Akzent zu hören, nicht nur auf Baustellen, auch in Restaurants, Hotels, Supermärkten und Kindergärten. In dem 45.000-Einwohner-Ort Crewe in Cheshire wohnen so viele Polen, daß die Stadtverwaltung eine Übersetzung ihrer Internetseite auf Polnisch anbietet. "Pawel, the Plumber" - Pawel, der Klempner - ist in der Presse zum Synonym für Arbeiter und Handwerker aus Osteuropa geworden, das teils verächtlich, teils liebevoll verwendet wird.

          Briten mit gemischten Gefühlen

          Die Briten sehen den Zustrom mit gemischten Gefühlen. Einerseits werden Einwanderer in vielen Bereichen der Wirtschaft gebraucht, nicht nur als Klempner, nach denen offensichtlich ein kaum zu stillender Bedarf besteht. Außerdem bieten die Osteuropäer ihre Dienste billiger und oft zuverlässiger an als die einheimische Konkurrenz. Sogar der Vorsitzende der UK Independence Party, einer der härtesten Gegner der Europäischen Union, soll sich bei der Renovierung seines Landhauses von seinen Prinzipien verabschiedet und Polen beschäftigt haben.

          Andererseits fürchten die Einheimischen wie anderswo auch, daß die Einwanderer ihnen die Stellen streitig machen könnten. Konservative Politiker warnen vor Übervölkerung. Der Wohnraum reiche nicht für so viele Menschen, die Straßen seien verstopft, die Lebensqualität sinke. Ökonomen jedoch sehen wirtschaftliche Vorteile in der verstärkten Zuwanderung. Das höhere Arbeitsangebot dämpfe die Lohn- und Preisinflation und ermögliche der Bank von England, die Zinsen niedrig zu halten, argumentiert der Ernst & Young Item Club. Die Zinsen seien einen halben Prozentpunkt niedriger, als sie ohne den Zustrom der billigen Arbeitskräfte aus dem Osten gewesen wären. Die Einwanderung beschere in diesem Jahr ein um 0,2 Prozentpunkte und im kommenden Jahr ein um 0,4 Prozentpunkte höheres Wirtschaftswachstum. Davon profitiert auch der britische Fiskus. Die Einwanderer aus Osteuropa steuerten in diesem Jahr 300 Millionen Pfund (450 Millionen Euro) bei.

          Einwanderungsland seit der Kolonialzeit

          Großbritannien gilt seit der Kolonialzeit als Einwanderungsland. Ein Viertel der Immigranten stammte 2004 aus den Staaten des Neuen Commonwealth, aus den ehemaligen Kolonien in Afrika, Asien und der Karibik. 13 Prozent zogen aus dem Alten Commonwealth - Australien, Kanada, Neuseeland und Südafrika - zu. Wegen der Ost-Erweiterung liegt der Anteil der Europäer jetzt bei 31 Prozent, ohne die Beitrittsländer wären es nur 11 Prozent. Nach einer Studie des Economic and Social Research Council ist etwa jeder dritte Zuwanderer gut ausgebildet. Dank der flexiblen Bedingungen auf dem britischen Arbeitsmarkt und einer niedrigen Arbeitslosigkeit fällt die Integration relativ leicht. Stellen finden sich vor allem im Gesundheitswesen, in der Computerbranche, in der Verwaltung und in der Gastronomie.

          Für Niedrigqualifizierte außerhalb der Europäischen Union wird es künftig schwieriger, sich auf der Insel niederzulassen. Die britische Regierung kündigte an, das bisherige schwer zu durchschauende Regelungsdickicht abzuschaffen und durch ein Punktesystem zu ersetzen, wie es bereits in Australien, Neuseeland und Kanada existiert. Statt Putzfrauen von den Philippinen will Großbritannien verstärkt hochqualifizierte Fachkräfte und erfolgreiche Unternehmer aus allen Teilen der Welt anlocken.

          Zuwanderer in fünf Gruppen

          Die Zuwanderer werden in fünf Gruppen eingeteilt. Für die erste Gruppe - Universitätsabsolventen mit mehreren Jahren Berufserfahrung und überdurchschnittlichem Gehalt - steht der Arbeitsmarkt faktisch offen. Als zusätzlichen Anreiz winkt der Staat mit der Aussicht auf eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis (permanent residence) schon nach zwei Jahren. Die zweite Gruppe - die gut qualifizierten Fachkräfte - können für Ausbildung und Berufserfahrung Punkte sammeln. Extrapunkte gibt es für junge Bewerber. Wer die erforderliche Mindestpunktzahl für eine bestimmte Branche übersteigt, darf einreisen. In Branchen mit Arbeitskräftemangel liegt die Punktehürde niedriger, in Branchen, für die sich genügend Briten finden, entsprechend höher.

          Geringer Qualifizierte haben in dem System nur noch eine Chance, wenn sie einen Arbeitgeber als Fürsprecher finden. Die vielen chinesischen und indischen Wirte in London befürchten bereits, daß sie nicht mehr so leicht Personal aus ihren Heimatländern rekrutieren können. Auch die Reinigungsbranche, die traditionell viele Asiaten beschäftigt, protestiert. Kritiker prognostizieren eine deutliche Zunahme der illegalen Beschäftigung.

          Große Zahl „Illegaler“

          Schon jetzt bereitet die große Zahl illegaler Einwanderer der Regierung Sorgen. Sie schätzt die Zahl auf 570.000. Das ist mehr als die Einwohnerzahl von Edinburgh. Innenminister John Reid kündigte einen härteren Kurs an. Unter anderem will er doppelt so viel Geld für Kontrollen ausgeben wie zuvor und mehr uniformierte Beamte an den Grenzen einsetzen. Arbeitgeber müssen drastische Strafen befürchten, wenn sie Ausländer illegal beschäftigen.

          Ob die Regierung im Kampf gegen die illegale Einwanderung bald Erfolge präsentieren kann, ist fraglich. Die Opposition bezeichnet die Einwanderungspolitik als "außer Kontrolle". "Es gibt so viele Schlupflöcher, Inkompetenz und Korruption, daß Kriminelle leichtes Spiel haben", sagt der konservative Politiker Damian Green. Die Mißstände wurden erstmals offenbar, als bekannt wurde, daß 1000 ausländische Gefangene nach Absitzen der Haftstrafe nicht wie vorgesehen in ihre Heimatländer abgeschoben wurden. Einige wurden wieder straffällig. Seitdem vergeht kaum eine Woche, in der in den britischen Medien nicht von Schlamperei und Korruption in den zuständigen Behörden zu lesen ist. Der jüngste Vorwurf lautet, daß Einwanderungsbeamte Asylbewerbern gegen Geld Visa verschafft haben sollen. Sie halfen ihnen, sich als Bürger Zimbabwes auszugeben, da Großbritannien nicht mehr nach Zimbabwe abschiebt. In den Arbeitsämtern teilten Mitarbeiter großzügig Sozialversicherungsnummern auch an Antragsteller aus, die offensichtlich gefälschte Papiere vorlegten. Und vor kurzem sorgten fünf illegal in Großbritannien lebende Nigerianer für Aufsehen, die jahrelang Büros geputzt hatten. Einer ihrer Auftraggeber war die Einwanderungsbehörde.

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