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Migration nach Maß (5) : Großbritannien erlebt eine Einwanderungswelle

Großbritannien gilt seit der Kolonialzeit als Einwanderungsland. Ein Viertel der Immigranten stammte 2004 aus den Staaten des Neuen Commonwealth, aus den ehemaligen Kolonien in Afrika, Asien und der Karibik. 13 Prozent zogen aus dem Alten Commonwealth - Australien, Kanada, Neuseeland und Südafrika - zu. Wegen der Ost-Erweiterung liegt der Anteil der Europäer jetzt bei 31 Prozent, ohne die Beitrittsländer wären es nur 11 Prozent. Nach einer Studie des Economic and Social Research Council ist etwa jeder dritte Zuwanderer gut ausgebildet. Dank der flexiblen Bedingungen auf dem britischen Arbeitsmarkt und einer niedrigen Arbeitslosigkeit fällt die Integration relativ leicht. Stellen finden sich vor allem im Gesundheitswesen, in der Computerbranche, in der Verwaltung und in der Gastronomie.

Für Niedrigqualifizierte außerhalb der Europäischen Union wird es künftig schwieriger, sich auf der Insel niederzulassen. Die britische Regierung kündigte an, das bisherige schwer zu durchschauende Regelungsdickicht abzuschaffen und durch ein Punktesystem zu ersetzen, wie es bereits in Australien, Neuseeland und Kanada existiert. Statt Putzfrauen von den Philippinen will Großbritannien verstärkt hochqualifizierte Fachkräfte und erfolgreiche Unternehmer aus allen Teilen der Welt anlocken.

Zuwanderer in fünf Gruppen

Die Zuwanderer werden in fünf Gruppen eingeteilt. Für die erste Gruppe - Universitätsabsolventen mit mehreren Jahren Berufserfahrung und überdurchschnittlichem Gehalt - steht der Arbeitsmarkt faktisch offen. Als zusätzlichen Anreiz winkt der Staat mit der Aussicht auf eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis (permanent residence) schon nach zwei Jahren. Die zweite Gruppe - die gut qualifizierten Fachkräfte - können für Ausbildung und Berufserfahrung Punkte sammeln. Extrapunkte gibt es für junge Bewerber. Wer die erforderliche Mindestpunktzahl für eine bestimmte Branche übersteigt, darf einreisen. In Branchen mit Arbeitskräftemangel liegt die Punktehürde niedriger, in Branchen, für die sich genügend Briten finden, entsprechend höher.

Geringer Qualifizierte haben in dem System nur noch eine Chance, wenn sie einen Arbeitgeber als Fürsprecher finden. Die vielen chinesischen und indischen Wirte in London befürchten bereits, daß sie nicht mehr so leicht Personal aus ihren Heimatländern rekrutieren können. Auch die Reinigungsbranche, die traditionell viele Asiaten beschäftigt, protestiert. Kritiker prognostizieren eine deutliche Zunahme der illegalen Beschäftigung.

Große Zahl „Illegaler“

Schon jetzt bereitet die große Zahl illegaler Einwanderer der Regierung Sorgen. Sie schätzt die Zahl auf 570.000. Das ist mehr als die Einwohnerzahl von Edinburgh. Innenminister John Reid kündigte einen härteren Kurs an. Unter anderem will er doppelt so viel Geld für Kontrollen ausgeben wie zuvor und mehr uniformierte Beamte an den Grenzen einsetzen. Arbeitgeber müssen drastische Strafen befürchten, wenn sie Ausländer illegal beschäftigen.

Ob die Regierung im Kampf gegen die illegale Einwanderung bald Erfolge präsentieren kann, ist fraglich. Die Opposition bezeichnet die Einwanderungspolitik als "außer Kontrolle". "Es gibt so viele Schlupflöcher, Inkompetenz und Korruption, daß Kriminelle leichtes Spiel haben", sagt der konservative Politiker Damian Green. Die Mißstände wurden erstmals offenbar, als bekannt wurde, daß 1000 ausländische Gefangene nach Absitzen der Haftstrafe nicht wie vorgesehen in ihre Heimatländer abgeschoben wurden. Einige wurden wieder straffällig. Seitdem vergeht kaum eine Woche, in der in den britischen Medien nicht von Schlamperei und Korruption in den zuständigen Behörden zu lesen ist. Der jüngste Vorwurf lautet, daß Einwanderungsbeamte Asylbewerbern gegen Geld Visa verschafft haben sollen. Sie halfen ihnen, sich als Bürger Zimbabwes auszugeben, da Großbritannien nicht mehr nach Zimbabwe abschiebt. In den Arbeitsämtern teilten Mitarbeiter großzügig Sozialversicherungsnummern auch an Antragsteller aus, die offensichtlich gefälschte Papiere vorlegten. Und vor kurzem sorgten fünf illegal in Großbritannien lebende Nigerianer für Aufsehen, die jahrelang Büros geputzt hatten. Einer ihrer Auftraggeber war die Einwanderungsbehörde.

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