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Migration in der EU : Wo bleiben sie denn?

Vor 50 Jahren wollten sie noch kommen: Eine Gruppe italienischer Gastarbeiter winkt auf dem Hauptbahnhof in Hannover aus dem Zug Bild: dpa

Die Europäische Union hat die Migration innerhalb Europas kaum beflügelt. Mit der Einführung der gemeinsamen Währung verlangsamte sie sich sogar. Und selbst in der Krise bleiben die Europäer unbeweglich.

          Das musste sie doch endlich sein, die Welle! Die Agentur für Arbeit in Schwäbisch-Hall bekam im Februar dieses Jahres wie aus dem Nichts rund 15.000 Bewerbungen aus dem notleidenden Portugal zugesandt. Die Medien stürzten sich auf Schwäbisch-Hall, die lang erwartete Massen-Migration aus den angeschlagenen Ländern Südeuropas schien unmittelbar bevorzustehen. An Ort und Stelle fanden sie allerdings nur wenige richtige Portugiesen.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Ausgelöst worden war die Bewerbungsflut von einem überschwänglichen portugiesischen Zeitungsbericht über Job- und Einkommenschancen in Schwäbisch-Hall, wo die Arbeitslosenquote bei verschwindenden 3 Prozent liege, 2500 offene Stellen lockten, guter Lohn und erschwingliche Wohnungen.

          Keine Welle, ein Rinnsal

          Über Facebook fand der Zeitungstext rasante Verbreitung unter Portugiesen. Das Bewerben selbst war leicht gemacht, denn der Text war mit einem Link zur Arbeitsagentur in Schwäbisch-Hall versehen.

          Doch ein halbes Jahr später ist Ernüchterung eingekehrt: Ganze 26 Arbeitsverträge zwischen Portugiesen und deutschen Arbeitgebern aus der Region sind zustande gekommen - statt einer Welle ist das nicht mal ein Rinnsal. Irgendetwas stimmt noch nicht in Europa, die innereuropäische Migration stockt.

          Dabei geht es nicht um eine Kleinigkeit: Die freie Mobilität der Arbeitskräfte innerhalb Europas war eine der großen Ideen der Gründerväter der Europäischen Union. Sie sollte die Menschen des Kontinents zusammenbringen, den Leuten von den armen Rändern bessere Perspektiven schenken und die Einkommensunterschiede langfristig nivellieren.

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          Für die Erbauer der Eurozone aber war die Mobilität des „Faktors Arbeit“ von vitaler ökonomischer Bedeutung - als Krisenpuffer. Die gesamte Eurozone baute auf diese Mobilität, Brüssel versuchte sie mit zahllosen Initiativen zu beflügeln, berichtet Ökonom und Migrationsexperte Klaus Zimmermann. Denn Migration ist die Voraussetzung für einen „optimalen Währungsraum“, wie die Ökonomen sagen.

          Nicht nur die Ökonomen sahen bei der Einführung des Euros eine große Gefahr: Seitdem können einzelne Länder in der Krise nicht mehr für sich abwerten, um so wieder zu erstarken. Regionale Wirtschaftskrisen sind die zwangsläufige Folge. Als Hoffnung bleibt den Krisenopfern, so die Vorstellung, die Auswanderung in ein stärkeres Euroland. So weit die Idee.

          Den Euro-Vätern war allerdings auch bewusst, dass die Eurozone mit einer großen Hypothek an den Start ging: Die Europäer wandern nicht gerne in andere Länder aus. Die Gastarbeiter-Anwerbungen in Deutschland etwa waren schon 1973 zu Ende gegangen.

          Gastarbeiter kehrten zurück in die Heimat

          Vor allem im Vergleich zu den Amerikanern blieben die Europäer sesshaft, obwohl keine rechtlichen Barrieren dem Wechsel von einem EU-Land zum anderen im Wege standen (Ausnahme sind Übergangsregeln für neue EU-Länder).

          So stockt die große Idee. Nur zwei Prozent der EU-Bewohner sind Ausländer aus anderen EU-Staaten, referiert Alfonso Sousa-Poza, Ökonom an der Universität Hohenheim - trotz Freizügigkeit und der Gastarbeitermigration in den 50er und 60er Jahren.

          Dann geschah etwas, was die wenigsten auf der Rechnung hatten: Mit der Einführung des Euro verlangsamte sich die Migration von einem Euro- zum anderen Euroland anstatt zuzunehmen. Vielmehr kehrten sogar Gastarbeiter zurück in die Heimat. So wanderten sehr viele Spanier nach dem Beitritt Spaniens zur Europäischen Gemeinschaft zurück, geht aus einem Bericht von DB Research hervor.

          Krise ändert an der Bereitschaft zur Mobilität nur wenig

          Der Grund ist klar: Dank des Euro erlebten die klassischen Auswandererländer in der Eurozone, Griechenland, Italien, Irland, Portugal und Spanien, eine Sonderkonjunktur, von der wir erst heute wissen, dass sie weitgehend auf Sand gebaut war. Die Folge ist skurril: In einer der freizügigsten Regionen der Welt kam die zwischenstaatliche Mobilität von Arbeitskräften fast zum Erliegen. Das alles geschieht in einer Zeitphase, in der weltweit so viele Menschen wie noch nie unterwegs waren.

          Und jetzt? Selbst die Krise ändert an der Bereitschaft zur Mobilität offenbar bisher nur wenig, wie ein internationaler Vergleich belegt. 2010 haben in den gebeutelten Vereinigten Staaten von Amerika 2,4 Prozent oder 7,5 Millionen Menschen ihren Heimatbundesstaat zurückgelassen, um ihr Glück in einem anderen Bundesstaat zu machen.

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