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Migration : Afrika leidet unter seiner Bildungsmisere

  • -Aktualisiert am

Zulu-Proteste gegen Zuwanderer in Johannesburg Bild: AFP

Über das Mittelmeer flieht nur ein kleiner Teil der Migranten. Die Mehrheit der afrikanischen Migranten sucht ihr Glück auf dem eigenen Kontinent. Vor allem Südafrika und die Elfenbeinküste locken Einwanderer.

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          Arbeitsplätze ziehen Migranten an. Das ist in Afrika nicht anders als sonst wo auf der Welt. Gemessen an den geschätzten Zahlen der Gesamtmigration in Afrika, stellen die Bootsflüchtlinge im Mittelmeer bestenfalls 2 bis 3 Prozent. Die Mehrheit sucht ihr Glück auf dem Kontinent, in Südafrika, Angola, Moçambique, Gabun, Equatorial-Guinea und in der Elfenbeinküste. Einige dieser Länder (Angola, Gabun und Equatorial-Guinea) verdanken ihr rasantes Wachstum großen Ölvorkommen. Andere wie Südafrika und die Elfenbeinküste verfügen über eine breite industrielle Basis, die Einwanderer anlockt.

          Die Einwanderer in der Elfenbeinküste kommen vor allem aus den umliegenden frankophonen Ländern wie Senegal, Togo, Burkina Faso, Benin und Niger. Dort wachsen die Volkswirtschaften zwar auch um Werte von durchschnittlich 5 Prozent im Jahr, aber das reicht nicht, um die Armut wirksam zu bekämpfen. Benin ist ein gutes Beispiel dafür. Das Land ist politisch stabil und weist ein Wachstum von 5,5 Prozent im Jahr auf. Und dennoch kehren jedes Jahr mehr als 300.000 Beniner dem Land den Rücken. Da das Bevölkerungswachstum in Benin bei rund 3 Prozent liegt, müsste das Wirtschaftswachstum deutlich über 6 Prozent betragen, um alle Schichten der Bevölkerung am neuen Wohlstand teilhaben zu lassen.

          Die Elfenbeinküste hat höchsten Ausländeranteil der Welt

          Die Elfenbeinküste ihrerseits hat im vergangenen Jahr ein Wirtschaftswachstum von beachtlichen 8,5 Prozent hingelegt, während das Bevölkerungswachstum bei 1,8 Prozent verharrte. Ideale Voraussetzungen eigentlich – wenn da nicht die vielen Migranten wären, die auf den ivorischen Arbeitsmarkt drücken. Genaue Zahlen über den Zustrom existieren nicht. Schätzungen gehen allerdings davon aus, dass der Anteil der Nicht-Ivorer bis zu 40 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Damit ist Côte d’Ivoire das Land mit dem höchsten Ausländeranteil auf der Welt.

          Das sorgt zum einen dafür, dass insbesondere die Wirtschaftsmetropole Abidjan eine kosmopolitische Stadt ist. Andererseits aber verschärft die schiere Zahl der Wirtschaftsmigranten den Kampf um Arbeitsplätze. Das ist der Grund, warum unter den Bootsflüchtlingen immer wieder auch Staatsangehörige aus der vermeintlich wohlhabenden Côte d’Ivoire zu finden sind. Der Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste (2000 bis 2007) hatte sich unter anderem an dem Eindruck der Ivorer entzündet, im eigenen Land nur noch geduldet zu sein.

          Ausschreitungen in Südafrika

          In Südafrika, dem zweiten großen Einwanderungsland auf dem Kontinent, toben gerade ausländerfeindliche Ausschreitungen der Zulu-Bevölkerungsmehrheit, zu deren Eindämmung die Armee eingesetzt werden muss. Zahlreiche Südafrikaner sind der Ansicht, dass die Ausländer ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen. Inwieweit das stimmt, ist heftig umstritten, weil der Anteil von Ausländern an der Gesamtbevölkerung nicht einmal 10 Prozent betragen soll.

          Die Mehrzahl der am Kap lebenden Migranten stammt aus Zimbabwe, die vor dem Kollaps der heimischen Wirtschaft geflohen sind. Hinzu kommen zahlreiche Flüchtlinge aus Somalia und Kongo-Kinshasa, die als „klassische“ Flüchtlinge bezeichnet werden können, weil sie vor Krieg beziehungsweise Hunger geflohen sind. Die zweitstärkste Gruppe der Ausländer am Kap aber stammt aus Moçambique und damit aus einem Land, das ein ähnliches Wirtschaftswachstum wie die westafrikanische Elfenbeinküste (über 8 Prozent) aufweist, die Menschenrechte achtet und politisch als stabil bewertet wird. Das Bevölkerungswachstum liegt bei 2,5 Prozent. In Moçambique laufen unzählige Großprojekte, vom Straßenbau über die Errichtung von Gaskraftwerken bis hin zum Abbau von Steinkohle in der Provinz Tete.

          Auch in Südafrika fehlen Ingenieure

          Es gibt eigentlich keinen Grund auszuwandern, zumal die Regierung per Gesetz verordnet hat, dass mehr als 70 Prozent der neuen Arbeitsplätze mit Einheimischen besetzt werden müssen. Das ist übrigens eine Regel, die in den meisten afrikanischen Staaten ebenfalls gilt. Wer in Moçambique, Angola oder Kenia einen Schulabschluss hat und zudem eine Spezialisierung in Marketing oder Buchhaltung aufweisen kann, hat heutzutage kaum Schwierigkeiten, einen Job zu finden. Doch das sind die wenigsten. Einer der Faktoren für die massive Auswanderung selbst aus Ländern mit vielversprechenden Wirtschaftsprognosen ist der durchweg geringe Bildungsstand, der wiederum einem seit Jahrzehnten verlotterten staatlichen Bildungssystem geschuldet ist. In Südafrika etwa sind 70.000 Stellen für Ingenieure unbesetzt, weil es keine geeigneten Kandidaten gibt. Und das Wachstum in Moçambique könnte mutmaßlich bei weit über 10 Prozent im Jahr liegen, gäbe es genügend qualifizierte Arbeitskräfte. Es ist die überall auf dem Kontinent grassierende Bildungsmisere, die ein stärkeres Wachstum und damit eine wirksame Eindämmung der Armut verhindert.

          Eine Ausnahme von dieser Regel ist Ruanda. Die Bevölkerungsdichte im „Land der tausend Hügel“ ist mit 432 Einwohnern je Quadratkilometer die höchste Afrikas. Es hat einen Völkermord in Ruanda gegeben, bei dem es nicht zuletzt um Lebensraum ging. Eigentlich müsste Ruanda ein Nettoexporteur von Menschen sein. Doch das Gegenteil ist der Fall. Das Bevölkerungswachstum ist mit 2,6 Prozent zwar hoch, wird aber durch das Wirtschaftswachstum von derzeit 6 Prozent aufgefangen. Es ließe sich einwenden, dass ein guter Teil des ruandischen Wohlstands im benachbarten Kongo geklaut wurde, wo die ruandische Armee sich über viele Jahre an den Rohstoffen schadlos gehalten hat. Doch diese Feldzüge sind Geschichte, und trotzdem wächst das Bruttoinlandsprodukt in einem Maße, dass kein Ruander Veranlassung sieht, sein Glück woanders zu suchen.

          Die Gründe dafür sind in den erheblichen Investitionen in das Bildungssystem zu suchen und bei einer Regierung, die als die mit Abstand effizienteste des Kontinents gilt. Dahinter steckt allerdings ein Mann, an dem sich die Geister scheiden: Präsident Paul Kagame. Sein Führungsstil lässt sich am besten mit dem Begriff des „aufgeklärten Despoten“ umschreiben, für den der Zweck die Mittel heiligt. In Ruanda existiert weder Meinungsfreiheit noch freie politische Wahl. Demokratie, so sagt Kagame gerne, sei „kein singuläres Ereignis“, sondern ein „langer Prozess“. Der wirtschaftliche Erfolg scheint ihm recht zu geben. Doch leben will man unter so einem Regime nicht.

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