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Mehr Versicherte : Einwanderer füllen die Konten der Krankenkassen

  • -Aktualisiert am

Die meisten Zuwanderer suchen und finden in Deutschland Arbeit. Bild: dpa

Es gibt so viele gesetzlich Versicherte wie lange nicht. Vor allem Migranten treiben die Zahl in die Höhe. Und fast alle Neuen wollen zu einer bestimmten Kasse.

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          Die gesetzliche Krankenversicherung hat im vergangenen Jahr einen ungeahnt hohen Zuwachs an neuen Versicherten verzeichnet. Die Statistik des Bundesgesundheitsministeriums verbucht bis Ende 2014 einen Zuwachs von fast 530.000 Versicherten – das entspricht etwa der Bevölkerung von Städten wie Dresden und Leipzig. Damit gehörten zum Jahreswechsel mehr als 70,6 Millionen Menschen der gesetzlichen Krankenversicherung an, so viele wie seit dem Jahr 2002 nicht mehr. 2012 war die Zahl auf einen Tiefstand von 69,6 Millionen gesunken. Seither geht es wieder bergauf: Die Marke von 70 Millionen wurde 2013 geknackt, 2014 ging es unvermindert nach oben.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Woher kommt der Zuwachs? Nicht aus der privaten Krankenversicherung, so viel steht fest. Diese war in den vergangenen Jahren mit knapp neun Millionen Kunden stabil oder sogar leicht rückläufig. Rückkehrer, die zuvor nicht versichert waren, fallen auch nicht ins Gewicht. So bleiben die Zuwanderer aus dem Ausland, um den Zuwachs an Versicherten zu erklären, zu denen im Grunde alle gehören, die nicht privat versichert sind.

          Fachleute schätzen, dass zuletzt netto an die 550.000 Zuwanderer nach Deutschland gekommen sind, weil sie hier Arbeit suchen und finden. Genaue Zahlen sollen im Frühjahr vorliegen. Zuvor waren 430.000 gekommen. Es sind meist Menschen aus dem von der Rezession gebeutelten Griechenland, aus von hoher Arbeitslosigkeit gekennzeichneten Ländern wie Spanien und Portugal, aus dem von Armut geprägten Südosteuropa oder aus den aufstrebenden Nachbarländern im Osten.

          „Ein Gewinn für die gesetzliche Krankenversicherung“

          Der deutsche Arbeitsmarkt nimmt sie mit offenen Armen auf. Auch das lässt sich aus der Statistik ablesen. Denn sie gibt auch Auskunft über jene unter den Versicherten, die als Berufstätige Beiträge an die Krankenkasse abführen, was mitversicherte Ehegatten und Kinder nicht tun. Tatsächlich zeigt auch die Kurve derjenigen nach oben, die beschäftigt sind. Ende 2014 waren es 28,7 Millionen Mitglieder, rund 600.000 mehr als im Vorjahr. Die Zahl derjenigen mit Anspruch auf Krankengeld – das sind jene Berufstätigen, die nach mehr als sechs Wochen Krankheit Anspruch auf Unterstützung der Kasse haben – stieg ebenfalls um rund 600.000 auf annähernd 30 Millionen.

          „Der Anstieg der Beschäftigtenzahlen ist vor allem mit Zuwanderung sowie mehr erwerbstätigen Frauen und Älteren zu erklären“, analysiert das Bundesgesundheitsministerium. Der Blick in die Tabellen zeigt: Die Zahl der mitversicherten Familienangehörigen lag Ende 2014 um knapp 150.000 unter dem Vorjahresstand. Der Rückgang erklärt sich wohl vor allem damit, dass Frauen eine Arbeit neu oder wiederaufgenommen haben. Die Zahl der mitversicherten Kinder ist konstant. Um mehrere zehntausend zurückgegangen ist die Zahl der Arbeitslosengeldbezieher.

          Der deutliche Anstieg der Mitgliederzahlen sei eine grundsätzlich positive Entwicklung für die gesetzlichen Krankenkassen und die Sozialsysteme, urteilt das Gesundheitsministerium. Seit 2011 sei eine dynamische Lohnentwicklung und eine dynamische Entwicklung bei den Beschäftigtenzahlen zu beobachten. Beides führt zu steigenden Beitragseinnahmen im Gesundheitsfonds und zu höheren Zuweisungen an die Kassen.

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          Fast alle Krankenkassen verbuchen Zugewinne

          Die zugewanderten Neumitglieder seien „buchstäblich ein Gewinn für die gesetzliche Krankenversicherung“, sagt der Sprecher ihres Spitzenverbands, Florian Lanz, denn er weiß: „Die von ihnen gezahlten Beiträge sind unter dem Strich höher als die von den Kassen zu bezahlenden Krankheitskosten.“ Diese doppelte Rendite hebt auch das Haus von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hervor. Bei den Zuwanderern handele es sich „häufig um relativ junge Erwerbstätige, die vergleichsweise wenig Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen in Anspruch nehmen“. Mitversicherte Familienmitglieder fallen dabei offenbar auch nicht in einem statistisch auffallenden Maß an.

          Das umlagefinanzierte Sozialsystem bringt es mit sich, dass der Nutzen aus Zuwanderung und höheren Sozialbeiträgen heute anfällt und zeitnah in Form steigender Ausgaben und besserer Leistungen konsumiert wird. Diejenigen, die davon im solidarischen System profitieren, sind in der Regel nicht diejenigen, die heute einzahlen. Bleibt die offene Frage, wer später für sie zahlt, wenn sie einmal – älter und gebrechlicher – auf Leistungen angewiesen sind.

          Einfacher beantworten lässt sich die Frage, welche Krankenkassen in welchem Maß von den Wanderungsbewegungen profitiert haben. Nach der amtlichen Statistik haben trotz des enormen Zulaufs die Knappschaft und vor allem die Landwirtschaftliche Krankenkasse Versicherte verloren. Alle anderen Kassenfamilien verbuchen Zugewinne und verteidigen ihre Position im Ranking. Die Allgemeinen Ortskrankenkassen, die zweitgrößte Kassenart, nehmen 86.000 neue Versicherte auf, die Betriebskrankenkassen 67.000, die Innungskassen wachsen minimal.

          Besonders auffällig ist allerdings die Entwicklung bei der größten Kassenart, den Ersatzkassen. Nach den Dezemberzahlen haben sie überproportional zugelegt. Eine Kasse sticht dabei ganz besonders hervor: die Techniker Krankenkasse (TK). Unter dem Strich ist fast der gesamte Versichertenzulauf der Ersatzkassen dort gelandet. Die TK zählte zum Jahresende 9,2 Millionen Versicherte. Die TK bekam 474.000 Versicherte hinzu und verbuchte vier Fünftel des gesamten GKV-Zuwachses für sich. Wie ein paar andere, meist kleinere Kassen hatte die Kasse 2014 werbewirksam Prämien ausgeschüttet und liegt wie viele andere im neuen Jahr unter dem durchschnittlichen Beitragssatz von 15,5 Prozent.

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