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Metall-Tarifrunde : Letzte Chance vor dem Streik

  • -Aktualisiert am

Die Gewerkschaft fordert noch immer 8 Prozent mehr Lohn Bild: dpa

Im Südwesten treffen sich an diesem Dienstag Arbeitgeber und Gewerkschaft zur entscheidenden Metall-Tarifrunde. Zuletzt hatte es vorsichtige Annäherungssignale gegeben. In Bayern gehen unterdessen die Warnstreiks weiter: Etwa 15.000 Metaller wollen sich heute beteiligen.

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          Am Dienstag entscheidet sich, ob es in der deutschen Metall- und Elektroindustrie zu einem Arbeitskampf kommt. Im Sindelfingen bei Stuttgart treffen sich Arbeitgeber und Gewerkschaft am Nachmittag zur vierten Verhandlungsrunde im aktuellen Tarifstreit.

          Kurz vor Beginn der Verhandlungen hat die IG Metall im benachbarten Bayern angekündigt, dass sich am Dienstag mehr als 15.000 Beschäftigte an Warnstreiks beteiligen werden. Bereits seit 6 Uhr haben bei der Firma Faurecia im niederbayerischen Geiselhöring 240 Beschäftigte für eineinhalb Stunden die Arbeit niedergelegt. Auch in den Betrieben der Metall- und Elektroindustrie in Nürnberg soll es am Dienstag von 10 Uhr bis Mittwoch 6 Uhr zu Warnstreiks kommen.

          Letzte Chance

          Im Vorfeld der Verhandlungen, die an diesem Dienstagnachmittag beginnen, hatte die Industriegewerkschaft Metall das Treffen mehrmals als letzte Chance bezeichnet, doch noch zu einer friedlichen Lösung zu kommen. Am Montag gaben sich beide Seiten zurückhaltend. Eine Sprecherin der IG Metall sagte, sie seien „schon noch sehr skeptisch“. Auch vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall hieß es, die Aufgabe sei gewaltig und es gebe noch viele offene Punkte. Der Druck, zu einer Einigung zu kommen, nehme zwar zu. Man könne aber auch nicht über die Schwierigkeiten der Branche hinweggehen.

          Zuletzt hatte es vorsichtige Annäherungssignale gegeben. So hatte IG-Metall-Chef Berthold Huber schon zum zweiten Mal ein Entgegenkommen bei der Laufzeit des Tarifvertrags angedeutet. Wenn die Lohnzahl stimme, hätte die Gewerkschaft kein Problem damit, über 18 oder gar 20 Monate abzuschließen. Auch Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser sprach davon, dass sich beide Seiten aufeinanderzubewegen würden.

          Es wird vermutlich eine lange Nacht in Sindelfingen

          Alle Beteiligten richten sich auf eine lange Nacht in Sindelfingen ein. Sollte tatsächlich an einem Ergebnis gearbeitet werden, wird es wohl früher Morgen werden, bevor sich die Türen des Verhandlungssaals öffnen. Es handelt sich zwar um eine regionale Verhandlung, wenn Südwestmetall und die IG Metall Baden-Württemberg am Tisch sitzen. Aber der Vorstand der IG Metall wird ebenso vor Ort sein wie die Spitzen von Gesamtmetall. Am Morgen danach kommt am Verhandlungsort die Tarifkommission der baden-württembergischen IG Metall zusammen, um das weitere Vorgehen zu beschließen. Sollten die Gespräche scheitern, könnte die IG Metall von Donnerstag an zur Urabstimmung aufrufen. Anfang kommender Woche wären Streiks möglich.

          Noch immer liegen Welten zwischen den Vorstellungen der Arbeitgeber und denen der Gewerkschaft. Die IG Metall fordert 8 Prozent mehr Lohn und Gehalt für die rund 3,5 Millionen Beschäftigten der Branche und untermauerte ihre Forderung mit heftigen Warnstreiks. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall bietet bislang von Januar 2009 an 2,1 Prozent und für November und Dezember 2008 eine Einmalzahlung von 0,8 Prozent eines Jahresgehalts.

          Die Autokrise überschattet die Verhandlungen

          Während die Verhandlungsführer um Lohnprozente ringen, ziehen über der Branche immer dunklere Wolken auf. Nach Jahren des Aufschwungs zeichnete sich schon Anfang 2008 ein Rückgang der Aufträge ab. Die Finanzmarktkrise hat diese Abwärtsbewegung verschärft. Ob eine Rezession bevorsteht, ist nicht länger die Frage – sondern nur noch, wie lange und wie schwer sie wird. Der exportorientierten Metall- und Elektroindustrie brechen die Auslandsmärkte weg. Seit Wochen wird der Tarifstreit von einer Flut schlechter Unternehmensnachrichten überschattet.

          Am schlimmsten ist die Automobilindustrie betroffen. Fast alle deutschen Hersteller haben Produktionskürzungen angekündigt. Daimler schickt seine Mitarbeiter in verlängerte Weihnachtsferien. Volkswagen will sich von Tausenden Zeitarbeitern trennen. Auch BMW will Stellen abbauen und kürzt die Produktion. „Diese Krise übertrifft alles, was wir bisher kannten“, sagte der Vorstandsvorsitzende Norbert Reithofer. Wenn die Autobauer ihre Wagen nicht mehr loswerden, bestellen sie auch weniger Bauteile.

          Das wiederum bekommen die Zulieferer zu spüren. Bosch hat Kurzarbeit angeordnet, Rheinmetall und Leoni verringerten ihre Jahresziele. Der Roboterhersteller Kuka kämpft mit sinkenden Aufträgen, und Continental schließt seine Fabriken länger als geplant. Am Standort Regensburg wird nur noch vier Tage in der Woche gearbeitet. Jenseits der Autoindustrie sieht es teilweise nicht besser aus. So will etwa Heideldruck in Deutschland 2000 Stellen streichen. Vor diesem Hintergrund klingen die 8 Prozent für viele Arbeitgeber wie eine Forderung aus einer anderen Welt. Gleichzeitig wird die Gewerkschaft ihnen wohl kaum den Gefallen tun, geplante Produktionskürzungen über ihre Streikkasse zu finanzieren.

          Österreichs Metaller bekommen bis zu 4,5 Prozent mehr Lohn

          In Österreich haben sich Arbeitgeber und Gewerkschaften nach vier Verhandlungsrunden auf einen Tarifabschluss für die rund 170 000 Beschäftigten der Metallindustrie geeinigt. Die Arbeiter und Angestellten erhalten eine Lohnerhöhung von 4,2 bis 4,5 Prozent, dies liegt über der Jahresinflation von 3,5 Prozent. Der Anstieg ergibt sich aus einer Erhöhung der Mindest- und der tatsächlichen Einkommen um 3,8 bis 3,9 Prozent und einer Einmalzahlung von 100 bis 250 Euro. Die Einmalzahlung richtet sich nach dem Betriebsergebnis. Eine operative Marge von 4 Prozent bedeutet 100 Euro mehr, 8 Prozent entsprechen 150 Euro, und darüber werden 250 Euro gezahlt. Der Metall-Abschluss gilt als Richtschnur für andere Branchen. Im Handel und im öffentlichen Dienst wird schon verhandelt. (ela.)

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