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Merkel-Besuch in Athen : Sechs Gründe, warum Griechenland hoffen kann

Fast vier Jahre nach dem Finanzkollaps ist Griechenland an die Kapitalmärkte zurückgekehrt. Bild: dpa

Merkels Besuch in Athen soll unter neuen Vorzeichen stattfinden: Aus Sicht der griechischen Regierung kommt sie dieses Mal nicht als Kontrolleurin, sondern als Zeugin der erfolgreichen Wende. FAZ.NET erklärt, warum es dafür tatsächlich zaghafte Anzeichen gibt.

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          Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel heute nach Athen kommt, soll dieser Besuch unter neuen Vorzeichen stattfinden: Aus der Perspektive der griechischen Regierung kommt nun nicht mehr die Oberlehrerin oder Kontrolleurin, die zur Einhaltung der Sanierungs- und Reformversprechen mahnt. Nun soll Merkel als Zeugin für die Wende und neue Hoffnungen in Griechenland dienen.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Obwohl Merkel nicht den – früher erhofften – Teilerlass für die griechischen Staatsschulden von mehr als 170 Prozent des Bruttoinlandsprodukts mitbringt, obwohl der aktuellste Wert für die Arbeitslosenquote bei erschreckenden 27,5 Prozent liegt, suchen viele Griechen nach ersten Vorboten einer Besserung.

          Was dient in Griechenland als zaghaftes Zeichen der Hoffnung?

          1. Athen ist auf den Märkten zurück
          Die Rückkehr des griechischen Staates an den Finanzmarkt, wenn auch mit einer symbolisch kleinen Anleihe von 3 Milliarden Euro, interpretiert die Regierung von Ministerpräsident Antonis Samaras als Beweis dafür, dass man den Status des konkursreifen Landes und Paria der Finanzmärkte hinter sich gelassen habe. Samaras will dieses Argument im Europawahlkampf nutzen und damit den griechischen Wählern beweisen, dass die Opfer, vor allem die Einschnitte bei den Gehältern und Renten, nicht umsonst gewesen seien.

          2. Gute Signale von den Banken
          Die vom staatlichen Schuldenschnitt an den Rand des Konkurses getriebenen Banken sorgen nicht mehr für Hiobsbotschaften. Nach einer Sanierung des Bankensystems mit 40 Milliarden Euro aus Europas Rettungsfonds sind die Großbanken nun wieder auf dem Weg der Privatisierung.

          3. Der Makel des Brüsseler Erfüllungsgehilfen fällt weg
          Das vor zwei Wochen im Parlament beschlossene Reformpaket, angenommen nach einer turbulenten Debatte an einem Sonntag um Mitternacht, ist das nach Aussage des Ministerpräsidenten der letzte von der Troika auferlegte Schritt. Die Troika aus Europäischer Kommission, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Zentralbank sollte die Konditionen durchsetzen, die Griechenland im Gegenzug für die Rettungskredite erfüllen muss. Nun wird davon bald die letzte Tranche ausbezahlt und die Macht der Troika wird danach abnehmen. Viele Griechen empfanden die Vorgaben der Troika als Fremdherrschaft, die Regierung wiederum wurde von den populistischen Protestierern als Erfüllungsgehilfe für das Brüsseler Diktat dargestellt. Nun hat Samaras diesen Makel abgeschüttelt und wird die nächsten Schritte als ureigenes Regierungsprogramm darstellen.

          4. In Griechenland wird wieder gebaut
          Öffentliche Bauprojekte laufen wieder. Die jahrelang stilliegenden Autobahnen in Nordgriechenland werden nun mit Zuschüssen aus europäischen Strukturfonds weitergebaut. Jahrelang waren die Baustellen stillgelegt, weil die ganze Konstruktion der Bauprojekte mit privaten Investoren und Krediten fast zusammengebrochen war. Nun wurde die Finanzierung von neuem gesichert, die Lizenzen verlängert und die Europäische Kommission in Brüssel hat nach mehr als einem Jahr der Prüfung das neue Verfahren genehmigt.

          5. Die Privatwirtschaft erholt sich
          In der privaten Wirtschaft gibt es wieder Anzeichen der Belebung. Griechenland hofft nach einem Rekordjahr im Tourismus 2013 auf weiteres Wachstum, begünstigt von niedrigeren Preisen, die durch die Lohnsenkungen möglich wurden. Zugleich gibt es aber auch – auf extrem niedrigen Niveau – wieder eine Zunahme der Autozulassungen, mehr Umsatz für Griechenlands größten Telefonanbieter OTE. Der Export ist 2013 gewachsen. Für 2014 wird nach langer Durstrecke wieder eine Zunahme von Investitionen erwartet.

          6. Gute Wirtschaftsprognosen
          Der Internationale Währungsfonds hat den Griechen gerade in seiner Frühjahrsprognose ein zusätzliches Hoffnungszeichen gegeben: Für 2015 wird ein reales Wachstum von 2,9 Prozent prognostiziert. Die OECD war dagegen vor wenigen Monaten noch vorsichtig und schrieb für 2015 ein Wachstum von 1,8 Prozent in ihre Prognose. In der Prognose des IWF könnte zwar auch ein Stück Politik versteckt sein. Doch führende Athener Ökonomen halten den Wert für erreichbar.

          Ein Stimmungswandel in Griechenland kann nun dabei helfen, dass Griechenland politisch stabil bleibt und nicht von den Populisten übernommen wird, die vorgeben, sie könnten das Rad zurückdrehen in die Zeiten des bedenkenlosen kreditfinanzierten Wachstums. Die Wirtschaft mahnt aber, dass die ersten Anzeichen des Wachstums unterstützt werden müssten mit weiteren hausgemachten Reformen. Griechenlands öffentliche Verwaltung zum Beispiel ist noch sehr weit von dem Zustand und Organisationsgrad entfernt, der für nachhaltiges Wachstum nötig wäre.

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