https://www.faz.net/-gqe-x5wd

Mehr Lehrstellen als Bewerber erwartet : Mangel an qualifizierten Auszubildenden befürchtet

Bild: F.A.Z.

Erstmals seit 7 Jahren wird die deutsche Wirtschaft mehr Lehrstellen anbieten als es Bewerber gibt. Das prognostiziert der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. Doch die Arbeitgeber machen sich Sorgen: Viele Bewerber seien schlicht „nicht ausbildungsreif“.

          2 Min.

          Für Jugendliche gibt es derzeit so gute Chancen auf dem Lehrstellenmarkt wie seit Jahren nicht mehr. Doch die Arbeitgeber fürchten, dass damit die Chancen, qualifizierten Nachwuchs zu finden, deutlich sinken könnten. „Am Ende des Jahres wird es nach unseren Berechnungen erstmals seit sieben Jahren wieder mehr Lehrstellen als Bewerber in der deutschen Wirtschaft geben“, sagte eine Sprecherin des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) am Dienstag. Gleichzeitig klagen die Arbeitgeber über die mangelnde Qualifikation der Bewerber: „Viele Schulabgänger sind nicht ausbildungsreif“, sagte Barbara Dorn, Leiterin des Bereichs Bildung bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Die BDA mache sich daher ernsthaft Sorgen, künftig genügend qualifizierte Lehrstellenbewerber zu finden. „Das Problem wird dadurch verstärkt, dass es wegen des demographischen Wandels immer weniger Schulabgänger gibt.“ Dadurch steige die Konkurrenz, um die klugen Köpfe unter den Bewerbern.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          „Die Zahl der Suchenden geht weiter zurück“, sagte auch die DIHK-Sprecherin. „In Frankfurt am Main und in München werden künftig auf einen Bewerber rechnerisch zwei Lehrstellen kommen.“ Auch der DIHK äußerte Sorgen in Bezug auf die Qualifikation der künftigen Auszubildenden: „20 Prozent der Schulabgänger können nur auf Grundschulniveau lesen, schreiben und rechnen“, sagte die Sprecherin. Da die Qualifikation vieler Bewerber nicht ausreiche müsse man „auf Nachqualifikation setzen“. Auch die Bundesagentur für Arbeit (BA) stellt verstärkt fest, dass „immer weniger Bewerber die Rechtschreibung und Grundrechenarten beherrschen und Englisch sprechen.“

          Grund für den Boom ist die gute Konjunktur

          Bis Ende April wurden bei den Industrie- und Handelskammern 109.130 neue Ausbildungsverträge registriert, das sind 8601 oder 8,6 Prozent mehr als im Vorjahr. In Westdeutschland liegt der Zuwachs bei 9,3 Prozent. In Ostdeutschland liegen die Vertragszahlen um 2,3 Prozent oberhalb des Vorjahresniveaus. Der Zuwachs bei den Vertragszahlen fällt nur geringfügig niedriger aus als beim Rekordanstieg im Vorjahr (10 Prozent). Die Vertragszahlen im April 2008 stützen die Prognose des DIHK, dass es im Jahr 2008 abermals einen Zuwachs an abgeschlossenen Verträgen geben wird. Als Grund für den Boom nannte der DIHK die gute Konjunktur. Dadurch sei der Bedarf an Auszubildenden in den Unternehmen gestiegen.

          Ausbildungsplatz gesucht? Die Chancen stehen gut

          Die Aussagen passen zu den positiven Zahlen, die die Bundesagentur für Arbeit (BA) in ihrem Monatsbericht für April publiziert hat: Von Oktober 2007 bis April 2008 wurden dort 380.700 Ausbildungsstellen gemeldet - das sind 11 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Allerdings äußert sich die Bundesagentur zurückhaltend und möchte noch keinen durchweg positiven Trend feststellen: „Unsere Deutung der Zahlen ist etwas konservativer als die des DIHK“, sagte ein Sprecher mit Blick auf die neuen Prognosen. „Es bleibt abzuwarten, ob sich diese Entwicklung fortsetzt, oder ob Ausbildungsverträge lediglich früher abgeschlossen wurden als vor einem Jahr.“

          Altbewerber könnten profitieren

          Nach Angaben des DIHK werden vor allem im technischen und im kaufmännischen Bereich verstärkt Lehrstellenbewerber gesucht. Vom Aufschwung auf dem Lehrstellenmarkt könnten besonders die Jugendlichen profitieren, die seit Längerem einen Ausbildungsplatz suchen, so die Prognose.

          Die Bundesregierung will bis zu 100.000 solcher Altbewerber mit Hilfe des so genannten Ausbildungsbonus eine Lehrstelle verschaffen. Dafür können Firmen eine Prämie von 4000 bis 6000 Euro bekommen. Dies kostet bis 2012 rund 450 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr waren rund 385.000 Jugendliche schon länger als zwölf Monate von der Schule, ohne dass sie in dieser Zeit eine Lehrstelle fanden. Insgesamt begannen 2007 rund 626.000 Jugendliche eine Lehre.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Isabel Schnabel ist eine profilierte Kennerin der Finanzmärkte und der Geldpolitik.

          Isabel Schnabel rückt auf : Eine Bereicherung für die EZB

          Isabel Schnabel ist Expertin für Banken und Finanzmärkte. Dennoch wird ihre Berufung in die EZB-Führung als Nachfolgerin von Sabine Lautenschläger nicht jedem gefallen. Sie hat sich schon deutlich positioniert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.