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Mediziner : Gutachter halten Ärzteeinkommen für überzogen

Über die Höhe der Kassenarzthonorare verhandeln die Krankenkassen mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Bild: dpa

Ärzte verdienen mit der Behandlung von Kassenpatienten mehr Geld, als ihre Funktionäre mit den Krankenkassen ausgemacht haben. Der durchschnittliche Reinertrag eines niedergelassenen Arztes liegt laut den Krankenkassen bei 164.000 Euro - die Zielgröße von 105.000 Euro sei damit weit überschritten.

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          Ärzte verdienen mit der Behandlung von Kassenpatienten mehr Geld, als ihre Funktionäre mit den Krankenkassen ausgemacht haben. Vertragsärzte erzielten "im Durchschnitt regelmäßig einen höheren Reinertrag je Praxisinhaber, als von den Selbstverwaltungspartnern vereinbart wurde", heißt es in einer Studie des auf Gesundheitsfragen spezialisierten Iges-Instituts für den Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Die Kassen fürchten zudem, dass geplante Verbesserungen der Versorgung zu Honorarsteigerungen führen.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          "Wenn man den sogenannten Landärzten mehr Geld geben möchte, dann muss man innerhalb der Ärzteschaft umschichten", verlangt der Vizevorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Johann-Magnus von Stackelberg. "Bei einem durchschnittlichen Gesamteinkommen aller niedergelassenen Ärzte von rund 164.000 Euro ist genug Geld im System. Es muss nur besser verteilt werden." Dabei seien die Praxiskosten abgezogen, die Einnahmen aus der Behandlung von Privatpatienten kämen hinzu. Stackelberg betont, man wolle die Honorarsumme derzeit nicht verringern. "Aber mit dem Motto: Immer mehr für die Ärzte, das zahlen ja schließlich die Beitragszahler, muss Schluss sein!"

          Kassenärztliche Vereinigung: Im Schnitt arbeiten Ärzte 51 Stunden in der Woche

          Andreas Köhler, Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), hält dem entgegen, lange Wartezeiten, übervolle Wartezimmer und der Ärztemangel bewiesen, "dass Krankenkassen und Ärzte alles daransetzen müssen, den Arztberuf insbesondere in der Niederlassung attraktiv zu gestalten". Im Durchschnitt arbeiteten Ärzte 51 Stunden in der Woche. "Wer dann davon redet, dass hier zu viel verdient wird, gefährdet eine immer noch gute Versorgung."

          Stackelberg sagt dagegen, schon heute erhielten die Ärzte "deutlich mehr Honorar, als es selbst die KBV als deren Interessenvertretung für angemessen gehalten hat". Im Oktober 2007 habe man eine Zielgröße von rund 105.000 Euro festgelegt, das durchschnittliche Gehalt eines Oberarztes im Krankenhaus. Diese Summe werde inzwischen weit übertroffen, kritisiert Stackelberg und beruft sich dabei auf die Iges-Studie zur Plausibilität der Berechnung der Arzthonorare. Das Institut findet darin "deutliche Hinweise, dass das durchschnittliche Arzteinkommen im Vergleich zu dem in der Kalkulation angesetzten Arzteinkommen zu hoch ausfällt." Das Kassenarzthonorar errechnet sich aus der Multiplikation von leistungsabhängigen Punkten mit Punktwerten. Deren Höhe wird von den Krankenkassen und der KBV ausgehandelt. Aktuell liegt der Punktwert bei 3,5 Cent. Die KBV hält einen Punktwert von 5,1 Cent betriebswirtschaftlich für notwendig.

          Bei der KBV heißt es, die 105.000 Euro seien kein Zielwert gewesen, sondern nur eine von mehreren Orientierungsgrößen. Deshalb gehe der Vorwurf fehl. Das Iges-Institut kommt dagegen zu dem Schluss, dass die Einkommen der Praxisinhaber - trotz eines mit 3,5 Cent "realen Leistungspreises, der 31 Prozent unter dem kalkulatorischen Punktwert liegt" - das von der Selbstverwaltung festgelegte Einkommen von 105.572 Euro weit überschreiten. 2007 habe der durchschnittliche Reinertrag 142.000 Euro erreicht. Heute liegt er laut GKV-Verband bei 164.000 Euro. Stackelberg sieht damit die Klagen der Ärzte erledigt, der Punktwert von 3,5 Cent sei zu gering: "Mit dieser Legende macht das Gutachten endgültig Schluss."

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