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Mediziner-Ausbildung : Ein „Ja, aber“ für Röslers „Landarztquote“

Bild: F.A.Z.

Gesundheitsminister Philipp Rösler plant bevorzugte Studienplätze für Mediziner, die nach ihrer Ausbildung für ein paar Jahre aufs Land gehen. Dafür wird erntet er nun großes Lob von vielen Seiten - allerdings mit kleinen Einschränkungen.

          Für seine Vorschläge zur Verbesserung der ärztlichen Versorgung auf dem Land hat Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) am Dienstag vor der Hand viel Lob gehört. Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, sagte der F.A.Z., es seit „gut, dass das Problem erkannt worden ist“. Röslers Idee, einen Teil der Studienplätze für diejenigen zu reservieren, die später aufs Land gingen, sei in Ordnung. Aber die Entscheidung für eine Landarzttätigkeit könne ein junger Mensch nicht schon vor Beginn seines Medizinstudiums treffen. „Die Entscheidung kann erst im klinischen Studium fallen.“ Das beginnt nach dem vierten Semester.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung - sie ist zur Sicherstellung der Versorgung verpflichtet - applaudiert dem Minister mit einem kräftigen „Ja, aber“. Vorstand Carl-Heinz Müller lobt den Vorschlag, den Zugang zum Medizinstudium zu vereinfachen. „Aber die Erhöhung der Studienplatzanzahl, ein Numerus-Clausus-Erlass und eine Landarztquote allein reichen nicht aus, um das Problem des Hausärztemangels zu lösen.“ Hausärzte ließen sich da nieder, wo sie aufgewachsen seien. Also müsse man die Medizinstudierenden in ihrer Heimat anwerben. „Außerdem müssen wir die Attraktivität des Arztberufes steigern.“

          Die Debatte um fehlende Ärzte und was dagegen getan werden kann ist nicht neu. Seit Jahren warnen Ärzteorganisationen vor einer Versorgungslücke, weil die Ärzteschaft altert und die Pensionsgrenze immer öfter in Reichweite kommt. Und das, obwohl die Ärztezahl seit Jahren steigt. Die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) bezweifeln deshalb, dass es eine „Lücke“ gibt oder geben wird.

          Ständig im Stress: Weil es nur noch sehr wenige Ärzte auf dem Land gibt, haben die verbleibenden Landärzte viel zu tun

          Tatsächlich liegen Über- und Unterversorgung dicht beieinander. Während die Selbstverwaltung in Berlin und anderen Großstädten weit mehr Kassenärzte zugelassen hat, als für die Versorgung notwendig wären, darben ländliche Regionen. Ärzte dürfen deshalb seit einigen Jahren Filialen mit angestellten Ärzten eröffnen - bisher allerdings mit wenig Erfolg.

          Die Versorgung sei „ein wachsendes Problem nicht nur der neuen, sondern auch der alten Länder“, sagt Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) dieser Zeitung. Röslers Vorschläge, seien „auf jeden Fall ein richtiger Schritt“, sagt Söder, der sonst selten ein gutes Haar an den Ideen des FDP-Ministers aus Berlin lässt. Röslers „Landarztquote“ hält er als Teil eines Gesamtpakets für erwägenswert. Was fehlt, zählt Söder auf: Stipendienprogramme für Studenten, Hilfen der Kommunen bei der Praxissuche, mehr Flexibilität und Regionalität bei der Festlegung der Planungsbezirke für Kassenärzte. Die Staatsregierung habe dazu vor Ostern bereits einen Beschluss gefasst.

          Hausärzteverbandschef Ulrich Weigeldt weist auf die Finanzen hin: „Im derzeit geltenden Honorarsystem werden ausgerechnet solche Landarztpraxen strukturell benachteiligt.“

          Brandenburg gehört zu den Ländern, in denen der Ärztemangel seit Jahren Thema ist. Im Bundesvergleich hat das Land die geringste Vertragsarztdichte, klagt die Kassenärztliche Vereinigung (KV). Gerade auf dem Land würden Ärzte dringend benötigt; um die aus Altersgründen freiwerdenden Praxen nachzubesetzen, aber auch, um junge Ärzte zusätzlich für ambulante Medizin zu gewinnen. Wenn die jungen Leute gehen, bleiben die Alten. Die müssen versorgt werden. Nicht jeder kann zum Arzt nach Berlin fahren.

          Ärzte, die sich in unterversorgten Regionen niederlassen, bekommen inzwischen ganze Hilfspakete geschnürt: Investitionskostenzuschüsse und Mindestumsatzgarantien von der KV, günstige Praxisräume von der Gemeinde. In Thüringen richtet die KV seit 2006 sogar auf eigene Kosten Praxen ein und stellt Ärzte für zwei Jahre an - in der Erwartung, dass die später die Praxis kaufen und weiterführen. Bei der Probe aufs Exempel in Ohrdruf hat das geklappt. Die KV konnte im Jahresabschluss 2007 sogar einen „Ertrag aus dem Verkauf der ersten Eigeneinrichtung“ verbuchen.

          In Sachsen-Anhalt hat die KV auf ihrer Homepage einen Link installiert: „Ärztemangel in Sachsen-Anhalt“. Aktuell seien 252 der rund 1500 Hausarztsitze nicht besetzt, sagt eine Sprecherin. Jede sechste Hausarztpraxis sei verwaist. Tendenz steigend. Auch bei den Fachärzten kann nicht mehr jede Praxis besetzt werden.

          Da wundert es nicht, dass Landesgesundheitsminister Norbert Bischoff (SPD) Röslers Vorschlag einer anderen Auswahl der Medizinstudenten für überlegenswert hält und mit den Bildungsministern diskutieren will. Bischoff sagt, es komme auf die Sozialkompetenz an. „Das heißt, ist die Bereitschaft vorhanden, als Hausarzt zu arbeiten, oder engagieren sich die Bewerber bereits im Gesundheitsbereich?“

          Rösler hatte am Wochenende den zuständigen Kultusministern vorgeschlagen, die Abiturnote als Auswahlkriterium für die Zulassung zum Medizinstudium zu streichen. Laut Zentralstelle für die Vergabe der Studienplätze wird jeder fünfte Medizinstudienplatz allein nach der Durchschnittsnote (zuletzt 1,4) vergeben. Auch Ärztepräsident Hoppe hält eine Auswahl nach Noten für verfehlt. Besser wäre es, wenn die Bewerber soziale Kompetenz und Engagement nachwiesen, im Rettungsdienst oder als Krankenpfleger. Es könne nicht falsch sein, wenn der Student früh erfahre, mit welchen menschlichen Gebrechen und Hilflosigkeit er später konfrontiert werde.

          Die Sachsen sind schon einen Schritt weiter. Dort können bis zu 50 Studenten im fortgeschrittenen Studium für vier Jahre eine Finanzhilfe bekommen. Im Gegenzug müssen sie sich verpflichten, später als Hausarzt in unterversorgten Gebieten zu arbeiten. Die studienbegleitende Patenschaft eines Hausarztes gehört dazu.

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