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Medikamente : Apothekenkunden müssen mehr zahlen

  • -Aktualisiert am

Vieles wird teurer Bild: Kaufhold, Marcus

Ärger am Apothekentresen. Weil die Krankenkassen Preissenkungen erzwingen, kommen auf viele Patienten Extrakosten bis zu 10 Euro je Pillenpackung zu.

          Ärger am Apothekentresen sind chronisch Kranke zum Quartalswechsel schon gewohnt. Seit die Krankenkassen Rabattverträge mit den Pharmaherstellern aushandeln, ändern sich Form und Farbe der Pillen öfter zum Quartalswechsel, weil dann ein preiswerterer Lieferant den Zuschlag der Kasse bekommen hat. Dass an diesem Dienstag manchem Apothekenkunden die Hutschnur platzen dürfte, liegt indes weder an Rabattverträgen noch an den Apothekern – auch wenn sie es sind, die ab Juli auf viele Schachteln eine Zuzahlung von 5 bis 10 Euro verlangen, für die der Kunde bisher nichts bezahlen musste.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Billiger wird es nur, wenn die Pillenschachtel weniger als 5 Euro kostet. Schuld haben in dem Fall die Krankenkassen, die die „Patienten zur Kasse“ bitten, wie es der Verband der Hersteller der massenhaft verschriebenen Nachahmerpräparate (Generika) formuliert. So bringt er eine ziemlich komplexe Wirkungskette auf einen simplen Nenner, an dessen Ende die Krankenkassen mehrere hundert Millionen Euro sparen, auf Kosten der Hersteller und der Patienten.

          Das geht so: Für vergleichbare Medikamente – wie aktuell gegen Bluthochdruck, Herzinsuffizienz, Magengeschwüre, Sodbrennen sowie einige Antibiotika – legt der Spitzenverband der Kassen fest, wie viel er der Apotheke höchstens zahlt. Der Preisdruck wird verstärkt, indem der Festbetrag einmal im Jahr auf Basis der Marktentwicklung angepasst, also gesenkt wird. Der Preiswettbewerb der Hersteller wächst. Das kann dem Patienten egal sein, solange der Hersteller sein Medikament zu den gebotenen Preisen weiter anbietet und nicht aus dem Verkehr zieht.

          Kassen sparen mehrmals Geld

          Allerdings treffen die von den Kassen verordneten Preisabschläge immer mehr Kranke im Geldbeutel. Bisher können Patienten, die ein besonders preiswertes generisches Arzneimittel wählen, von der Zuzahlung befreit werden. Immerhin spart der Kunde dabei zwischen 5 und 10 Euro je Packung, solange er nicht grundsätzlich von Zuzahlungen befreit ist. Die Befreiung soll den Kunden dazu locken, nach preiswerten Präparaten zu fragen. Die Hersteller sollen animiert werden, billige Angebote zu machen, weil sie damit die Menge ausweiten können. So weit, so einsichtig.

          Der Haken an der Sache ist: Um die Zuzahlung zu sparen, muss der Preis des Arzneimittels 30 Prozent unter dem Betrag liegen, den die Kassen erstatten. Je öfter die ihre Preisschraube anziehen, desto seltener können Hersteller noch weiter mit dem Preis runtergehen. Die Folge liegt auf der Hand: Immer weniger Arzneimitteln schaffen es, in der Apotheke den Abstand von 30 Prozent einzuhalten. Für die Patienten heißt das: zuzahlen.

          Die Kassen sparen so mehrmals Geld. Allein das Senken der Festbeträge bringt ihnen 680 Millionen Euro im Jahr. Der steigende Wettbewerbsdruck an der 30-Prozent-Grenze führt zu weiteren Einsparungen. Die Zuzahlungen der Kunden auf jene Präparate, die den Abstand nicht mehr einhalten, kommen obendrauf. Dabei geht es nicht um Kleinkram. Die Zuzahlungen auf Arzneimittel haben 2013 laut Apothekerverband Abda 2 Milliarden Euro erreicht.

          Die Marke dürfte nun überschritten werden. Der Deutsche Apothekerverband hat errechnet, dass die Zahl der zuzahlungsbefreiten Medikamente um mehr als ein Drittel sinkt, von 4800 auf 3000. Von 33.000 Arzneimitteln, für die ein Festbetrag existiert, sinkt die Quote der von Zuzahlung befreiten von knapp 15 Prozent auf unter 10 Prozent. Nach Berechnung des Interessenverbands Pro Generika sind viele Präparate aus der Liste der 50 Bestverkauften davon betroffen, darunter bekannte Wirkstoffe wie Omeprazol, Metroprolol und Candesartan. Zum Teil senke der Kassenverband die Festbeträge um bis zu 70 Prozent.

          Der Wirkstoff Candesartan hilft gegen Bluthochdruck und Herzinsuffizienz. Voriges Jahr wurde er 3,4 Millionen Mal verordnet. Waren bisher 185 Präparate zuzahlungsfrei, gebe der Apotheker nun nur noch jedes dritte ohne Zuzahlung ab. Vom Bluthochdruckmittel Valsartan, das 2,7 Millionen Mal verordnet wurde, seien nur noch 58 von 182 Präparaten von Zuzahlung befreit.

          „Was bei der Zahnbehandlung längst Alltag ist, droht den Patienten nun offenbar auch bei Arzneimitteln: Die Kassen fahren ihre Erstattung immer weiter zurück, wodurch es zu Zuzahlungen in der Apotheke kommt“, sagt Geschäftsführer Bork Bretthauer. Eine hinreichende Versorgung mit zuzahlungsbefreiten Arzneimitteln sei bei einigen Wirkstoffgruppen nicht mehr möglich.

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