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Europas Autobahnen : Wer sich vor der Maut drückt, zahlt teuer drauf

Mautschild an der Stadtautobahn in Rostock Bild: dpa

Viele Fallen für Autofahrer stecken in den unterschiedlichen Bezahlsystemen für Europas Straßen. Wer sich vor den Abgaben drücken möchte, muss mit horrenden Strafen rechnen.

          Der Durchblick fehlt. Italien hat mehr als zehn Betreiber von Mautautobahnen, Norwegen ebenso. Neun Länder verlangen eine Vignette, die ein Jahr (Schweiz), zwei Monate, ein paar Wochen, zehn oder nur drei Tage für das gesamte Land gültig ist. Tatsächlich gefahrene Kilometer oder Passagen durch Tunnel, über Brücken oder Bergpässe werden separat abgerechnet. Elektronische Erfassungssysteme buchen vom Konto ab, Bares verliert an Bedeutung. Frankreich, Spanien, Italien und Polen setzten Transponder (Funkgeräte) zur Streckenmessung ein; in Polen, Italien oder Norwegen muss man sich vor dem Befahren mit seinem Autokennzeichen im Internet registrieren. In Österreich spielt es keine Rolle, ob das Auto einen Wohnanhänger zieht; in Frankreich bemisst sich der Streckenzoll nach Gesamtgewicht und Höhe.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Selbst der ADAC hat Schwierigkeiten, da den Überblick zu behalten. Und Martina Wagner, beim größten Automobilclub der Welt für die Beschaffung touristischer Informationen zuständig, bleibt nur der Rat: „Vor der Abreise sollte sich jeder genau informieren.“ Während der Fahrt in den Sommerurlaub oder zur Europameisterschaft nach Frankreich kann es schon zu spät sein und bei Fehlern oder Missachtung von Zahlungen zu horrenden – mindestens ebenso unübersichtlichen und uneinheitlichen – Strafen führen.

          Norwegen als positives Beispiel

          Erstaunliches ist für die Experten zutage gekommen, als sie einmal die Mautbelastungen für einzelne Strecken ausgerechnet hatten. Von München aus 1000 Kilometer Richtung Montpellier (Frankreich), Pescara (Italien) oder Split (Kroatien) kosten zwischen 132 und 139 Euro Wegezoll. „Uns hat es überrascht, dass die Kosten in etwa gleich hoch ausfallen“, sagt Diana Dahm, Touristische Beraterin des ADAC. Andere Fallbeispiele hätten ähnliche Ergebnisse gezeigt. Ausnahme: die skandinavischen Länder; dort sei alles teurer. Wobei die Länder Norwegen, Schweden, Dänemark und Finnland fast ein europäisches Vorbild in Sachen Harmonie sein könnten. In Norwegen mit mehr als zehn Betreibergesellschaften wird ausschließlich elektronisch erfasst. Alle Länder im Norden Europas hätten sich zumindest bei den elektronischen Systemen (in den anderen Ländern gibt es gemischte Formen) auf einen Standard geeinigt.

          „Die Norweger zeigen, dass eine Erfassung und die nachträgliche Bezahlung gut funktionieren können“, sagt Diana Dahm. Ohnehin würden neu gebaute Straßen künftig elektronisch ausgerüstet und digitalisiert werden. So hat Ungarn im Jahr 2008 ein Mautsystem eingeführt, das nur elektronisch betrieben wird. Einen großen Haken gibt es: den Datenschutz. Norwegen ist genauso ein Beispiel dafür, wie mit persönlichen Daten inklusive Konto- oder Kreditkarteninformationen hantiert wird. Dort sind die Reiserouten jedes Fahrers nachvollziehbar.

          Rund die Hälfte der 28 EU-Länder erheben keine Straßengebühren, darunter auch Deutschland – noch. Bei allem Mautchaos in Europa achte die EU zumindest auf die Einhaltung von grundsätzlichen Spielregeln, wenn es etwa um den Diskriminierungsschutz gehe, sagt Jürgen Albrecht, Referent Verkehrswirtschaft und -politik des ADAC. Daher streiten sich derzeit auch EU-Kommission und Bundesregierung. Das angedachte Modell wird nach Meinung von Brüssel ausländische Fahrer schlechterstellen, weil Deutsche über der Kraftfahrzeugsteuer den Vignettenpreis zurückerhalten sollen. Am Ende werden laut ADAC 6,7 Prozent der Personenwagen, nämlich die mit ausländischem Kennzeichen, zur Kasse gebeten.

          Auf Vergessen sollte niemand setzen

          Ohnehin ist der ADAC gegen eine deutsche Maut. Denn das deutsche Autobahnnetz ist seit jeher über Steuern finanziert worden. Jährlich fallen 53 Milliarden Euro aus Energie-, Kraftfahrzeug-, anteiliger Mehrwertsteuer und Lastwagenmaut an. Davon würden nur 19 Milliarden Euro für Straßen ausgegeben. „Tankt ein Ausländer 50 Liter Benzin in Deutschland“, rechnet Albrecht vor, „bringt das rund 43 Euro Steuern ein; so hoch ist keine Maut.“

          Drücken vor dem Abkassieren sollte sich niemand, schon gar nicht schummeln. Das wird teuer. Unter den 138.000 Autofahrern, die 2015 in Österreich erwischt wurden, fanden sich 78.000 Deutsche. Sie mussten 120 Euro Ersatzmaut zahlen. Wer meinte, die Vignette mit Vaseline beschmieren zu müssen, um sie von der Windschutzscheibe abziehen und weitergeben zu können, ist mit 240 Euro dabei. Kommt ein Strafverfahren hinzu, wird es viel teurer. Slowenien kann mit bis zu 800 Euro Strafe richtig weh tun.

          Auf Vergessen sollte niemand setzen. Das Vergehen verjährt nach zehn Jahren. Und es kann Jahre dauern, bis etwa aus Italien eine Mahnung über eine Ersatzmaut ins Haus flattert. Die wird wegen gegenseitiger Abkommen der Länder vollstreckt.

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