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150 Jahre „Das Kapital“ : Der falsche Prophet

Marx und Engels extrapolierten diese Trends. Sie behaupteten, eine Abwärtsspirale werde immer weitergehen. Wirtschaftshistoriker haben dagegen gezeigt, dass die zur Mitte des 19. Jahrhunderts sinkenden Reallöhne eng mit dem starken Bevölkerungswachstum zusammenhingen. Die Einwohnerzahl Großbritanniens hat sich von 1800 bis 1850 verdoppelt. Dass diese rasant wachsende Bevölkerung, die vom Land in die Städte drückte, überhaupt ernährt werden konnte (zunächst mehr schlecht als recht), lag an den neuen industriellen Beschäftigungsmöglichkeiten. Ohne die kapitalistische Produktionsausweitung wäre die malthusianische Falle zugeschnappt mit der Folge einer Existenzkrise. Nach dem temporären Reallohnfall steigen etwa die Reallöhne der Arbeiter ab den sechziger Jahren langsam.

Erst Lenin beschäftigte sich schließlich mit der Produktion im Kommunismus.
Erst Lenin beschäftigte sich schließlich mit der Produktion im Kommunismus. : Bild: AP

Chinas Wohlstand kam nach der Öffnung

Im 20. Jahrhundert hat sich in marktwirtschaftlich-kapitalistischen Ländern ein Massenwohlstand entwickelt, der auch den Lebensstandard der einfachen Bevölkerungsteile weit über alles hinaushob, was früher denkbar war. Die große Mehrzahl der Arbeiter in den westlichen kapitalistischen Marktwirtschaften fühlte sich keineswegs verelendet, je mehr sie sich Autos, Urlaube und andere Annehmlichkeiten leisten konnten.

Bitterste Armut, sogar Massenhungersnöte und Massensterben gab es dagegen infolge der wirtschaftspolitischen Experimente in Maos China. Bei Maos Tod 1976 lebten die Menschen dort in kommunistischem Elend. Das Pro-Kopf-Einkommen wurde auf 250 Dollar im Jahr geschätzt. Nach der Öffnung unter Deng Xiaoping für ausländische kapitalistische Investoren, der schrittweisen Einführung privater Eigentumsrechte und dem Zulassen unternehmerischer Initiative erfolgte ein Aufschwung, wie ihn die Wirtschaftsgeschichte noch nie gesehenen hatte. Das reale Pro-Kopf-Einkommen in China hat sich etwa verdreißigfacht. Privateigentum und Produktion für den (Export-)Markt waren die Schlüssel für die Wohlstandsexplosion, die Hunderte Millionen Chinesen in die Mittelschicht katapultierte und einige hundert zu Milliardären machte.

Der Kapitalist als Getriebener

Marx selbst hatte – hier durchaus hellsichtig – die gewaltige wirtschaftliche und zivilisatorische Kraft des Kapitalismus schon erkannt und früh die Globalisierungstendenz erfasst. Im „Kommunistischen Manifest“ von 1848 heißt es: „Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt.“ Heute schießen die Chinesen und andere mit günstigen Preisen zurück und erobern einen zunehmenden Anteil am globalen Wohlstandskuchen, der zugleich wächst.

Wo Marx allerdings wieder falschlag, war sein Bild des Unternehmers, des „Kapitalisten“: Dieser erscheint als Getriebener, nicht als Vorantreibender. In Marx’ deterministischer Geschichtsphilosophie erscheinen die kapitalistischen Unternehmer nicht als eigenständig frei Handelnde, sondern als Werkzeug der Geschichte. Die „Bewegungsgesetze des Kapitalismus“ lassen ihnen keine Wahl, als in den Abgrund zu rasen. Anders als Schumpeter, der den heroischen Akt des Innovators und „schöpferischen Zerstörers“ als Motor kapitalistischer Wohlstandsmehrung betont, blieb der blutsaugende Kapitalist bei Marx einer, der letztlich nur Zerstörung brachte.

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