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Sozialdemokraten in Europa : Warum sind diese Männer cool?

Bild: F.A.Z.

Die Sozialdemokraten in Europa bieten radikale Alternativen: altlinks wie Jeremy Corbyn, neulinks wie Emmanuel Macron. Auf welche Seite wird Martin Schulz sich schlagen?

          7 Min.

          Was macht alte weiße Männer cool? Oder schärfer gefragt: Was lässt alte Steinzeit-Sozialisten für die Jugend Europas plötzlich so sexy und modern werden?

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Beginnen wir mit Bernard „Bernie“ Sanders. Der Mann, geboren 1941 in New York, ist ein echter Altlinker, parteilos, weil es für demokratische Sozialisten in Amerika noch nie eine Partei gegeben hat. Sanders geißelt die ungleiche Einkommensverteilung, spricht sich für massive Steuererhöhungen aus und lehnt (wie Trump) das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP ab, weil es dem amerikanischen Arbeiter schade. Er flirtet mit Karl Marx, die Macht des Finanzkapitals will er radikal stutzen. In der Vorwahl der vergangenen Präsidentschaftskampagne trat er für die Demokraten an, unterlag aber gegen Hillary Clinton.

          Jetzt ist er plötzlich wieder da, hat ein Buch geschrieben („Unsere Revolution“), das es auf die „Spiegel“-Bestsellerliste geschafft hat, und tourt durch Europa, gefeiert von den Medien. Im Amerika gilt er laut neuesten Umfragen als der populärste Politiker. Wäre er und nicht Hillary Clinton gegen Trump angetreten, hätte er große Chancen gehabt, ihn zu schlagen. Nicht nur die jungen Leute nennen ihren Helden liebevoll „Bernie“, und Soziologen haben den „Bernie-Sanders-Effekt“ erfunden: „Feel the bern“ lautet das Wortspiel, das die Leidenschaft des Brennens („burn“) für den weißhaarigen Polit-Star Bernie zum Slogan macht.

          Das Wahlwunder des Jeremy Corbyn

          Großbritanniens Bernie Sanders heißt Jeremy Corbyn. Niemand, außer vielleicht er selbst, hätte vor ein paar Wochen zu prophezeien gewagt, dass Corbyns Labour-Partei bei den Wahlen zum britischen Unterhaus am vergangenen Donnerstag rund 40 Prozent der Stimmen einheimsen würde. Statt, wie von vielen orakelt, das schlechteste Labour-Ergebnis der Nachkriegsgeschichte zu holen, erzielte Corbyn das beste seit dem Jahr 2001.

          Jeremy Corbyn, sozialdemokratischer Held in Großbritannien

          Wer das Wahlwunder des Jeremy Corbyn verstehen will, der sollte ein paar Stunden in seinem Wahlkreis in London spazieren gehen und wahllos mit den Anwohnern sprechen: Es ist in Islington, im Norden der britischen Hauptstadt, überhaupt kein Problem, viele Leute zu finden, die den knorrigen Altlinken für einen Steinzeit-Sozialisten und politischen Geisterfahrer halten. Aber es ist praktisch unmöglich, irgendwen aufzutreiben, der den 68 Jahre alten Corbyn nicht auch für einen integren und glaubwürdigen Politiker hält. Keine Selbstverständlichkeit heutzutage. Nicht wenigen in dem Wahlkreis, den der Labour-Mann seit 1983 im Parlament vertritt, wird er schon mal irgendwie geholfen haben, wenn sie mit einem Anliegen bei ihm ankamen.

          Seit der britischen Parlamentswahl am Donnerstag ist Jeremy Corbyn, der den Fleischverzehr ebenso ablehnt wie die Monarchie, Atomwaffen und eigentlich auch die EU, der neue Superstar der britischen Sozialdemokratie. Oder besser: Corbyn ist der Retter der politischen Linken auf der Insel. Noch vor wenigen Wochen galt er dagegen vielen als ihr Totengräber. Es galt als ausgemachte Sache, dass Corbyn nur für ein gesellschaftliches Kleinbiotop aus Altlinken und jungen Globalisierungsgegnern wählbar sei und deshalb seine Partei in eine so sichere wie verheerende Niederlage führen werde.

          Wie ist das Phänomen Corbyn zu erklären?

          Es kam anders: Die konservative Amtsinhaberin Theresa May, welche die vorzeitigen Neuwahlen ohne Not ausgerufen hatte, um die vermeintliche Schwäche der Sozis auszunutzen, ist eine traurige Wahlsiegerin. Sie verlor unerwartet ihre Mehrheit und braucht nun einen Koalitionspartner, um gegen das Ende anzukämpfen. Schon bald könnte es jedoch angesichts fehlender Mehrheiten im Unterhaus zu Neuwahlen kommen – und wer weiß: Vielleicht schafft Corbyn dann den Sprung in die Downing Street.

          Wie also ist das Phänomen Corbyn zu erklären? Wie hat es dieser krasse Außenseiter, der drei Jahrzehnte lang ein Dasein als weitgehend unbekannter Parlamentshinterbänkler fristete, auf seine alten Tage so weit nach oben geschafft? Ein Teil der Erklärung ist eben in Islington zu finden: Corbyns Glaubwürdigkeit macht den Unterschied. Seine Rivalin May hat noch vor einem Jahr für die EU geworben und mutierte nach dem Austrittsvotum der Briten plötzlich zur Brexit-Hardlinerin.

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