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Marode Infrastruktur : China spielt Entwicklungshelfer für Indien

Alltägliches Bild: Überfüllter indischer Pendlerzug Bild: REUTERS

Indiens Infrastruktur ist in katastrophalem Zustand. Straßen und Züge sind marode und notorisch verstopft. Nun bietet China seine Hilfe an - satte 300 Milliarden Dollar. Wären die beiden Länder nur nicht so verfeindet.

          Indien könnte sein drängendes Infrastrukturproblem mit Hilfe seines ungeliebten Nachbarn lösen: China hat den Indern angeboten, ihnen mit rund 300 Milliarden Dollar für den Bau von Straßen, Brücken, Kraftwerken oder Häfen unter die Arme zu greifen. Allerdings stößt traditionell jedes chinesische Engagement auf dem Subkontinent auf Kritik. Denn die beiden asiatischen Riesen streiten um Grenzen und Wasser. Für China wäre die Annäherung ein großer Sprung: Während Indiens Partner Japan zwischen 2000 und 2013 rund 15 Milliarden Dollar auf dem Subkontinent investiert hat, kommt China auf gerade 313 Millionen Dollar.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Eine Abordnung Pekings hat der Regierung in Delhi den Plan vorgelegt, bis zu 300 Milliarden Dollar des Infrastrukturausbaus zu finanzieren. Das wären 30 Prozent des Gesamtbedarfs von einer Billion Dollar, den Indien insgesamt bis 2017 als notwendig erachtet. Das chinesische Angebot übertrifft dasjenige der Japaner deutlich, die seit Jahren in Indiens geplante Industriekorridore und die U-Bahn-Strecke in Delhi investieren. Allein für die Metro stellten die Japaner eine Kreditlinie von 2 Milliarden Dollar zur Verfügung.

          „China vernichtet systematisch unsere Industrie“

          Nach einem Bericht der indischen Zeitung „Economic Times“ wollen die Kabinettsminister in Neu-Delhi in der nächsten Woche die Bereiche ausloten, für die Interesse an Pekings Geld besteht. Es geht unter anderem um Eisenbahnstrecken und Züge, Straßen und Tunnel, Abwasseraufbereitung, Häfen, Telekommunikation, Atom- und Solarkraftwerke. Weitgehend einig sind sich Chinesen und Inder über den Bau einzelner Sonderzonen für die Ansiedlung von Industrie und Landwirtschaft in Bundesstaaten wie Uttar Pradesh, Haryana und Andhra Pradesh. Mit dem Milliardär Anil Ambani hat die Annäherung auch eine Galionsfigur: Er ließ Wandelanleihen seines Mobilfunkkonzerns Reliance Communications im Wert von 1,18 Milliarden Dollar über ein Konsortium chinesischer Banken, unter ihnen die staatliche China Development Bank, refinanzieren.

          Bei allen Großprojekten aber wird es zu kräftigem Widerstand kommen. Telekommunikationsausrüstung von den chinesischen Herstellern ZTE Corp und Huawei lehnten die Inder ab, weil sie mit Spionageausrüstung verseucht sei. Der Bau von Häfen in Bombay und Kerala wurde aus politischen Gründen nicht an die chinesischen Bewerber – unter ihnen Hongkongs Hutchison Whampoa – vergeben. AM Naik, der Vorstandsvorsitzende des Infrastrukturkonzerns Larsen & Toubro, warnt: „China vernichtet systematisch unsere Industrie.“ Und weiter: „Es ist nicht gut, dass 80 Prozent unserer Ausrüstung für Kraftwerke inzwischen aus einem einzigen Land stammen, und das heißt auch noch China.“

          Mehr Entwicklungshilfe als die Weltbank

          Naik kritisiert schon die Öffnung der Grenzen für Importe aus der Volksrepublik: „China hat einen festen Wechselkurs. Es ist keine Marktwirtschaft wie Indien. Würde China fair handeln, würden die Preise um 25 Prozent nach oben schießen.“ Zwar wollen Chinesen und Inder bis 2015 auf ein Handelsvolumen von 100 Milliarden Dollar kommen. Doch fällt das schon heute deutlich zugunsten der Chinesen aus – was vielen Indern bitter aufstößt. Weite Teile der indischen Bevölkerung sehen in China einen mächtigen Konkurrenten, der ihnen im Himalaja, wo die indischen Flüsse entspringen, das Wasser abgraben könnte. Auch kommt es immer noch zu Grenzkonflikten. Mit Sorge betrachten die Inder auch, wie China den Subkontinent mit dem Bau von Häfen in Burma (Myanmar), Sri Lanka und Pakistan umzingelt.

          Dabei hätte China zweifelsohne das Zeug dazu, den Indern aus ihrer Misere zu helfen. China ist Weltmeister im Bau von Infrastruktureinrichtungen, sowohl im Inland wie im Ausland. Zwischen 2008 und 2013 wurden in China 31 Flughäfen gebaut. China verfügt mit 13.000 Kilometern über das längste Hochgeschwindigkeitsschienennetz der Welt. Zwischen 2010 und 2015 soll das Netz der Landstraßen um 43 Prozent auf 83.000 Kilometer wachsen. Die U- und S-Bahnen will man auf 3.000 Kilometer ausbauen, das wäre ein Anstieg um 114 Prozent. Nach Berechnungen der Beratungsgesellschaft McKinsey steckt die Volksrepublik jedes Jahr durchschnittlich 8,5 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) in den Ausbau der Verkehrswege. In Indien sind es gerade einmal 3,9 Prozent.

          Ihre Investitionen und Kredite für den Ausbau der Infrastruktur in anderen Ländern weist die chinesische Regierung nur in Teilen aus. Die Darlehen und Zuschüsse an Schwellen- und Entwicklungsländer dürften aber vorwiegend in solche Vorhaben fließen; bei den zinsverbilligten Krediten sind es 61 Prozent. Gemäß den letzten bekannten Vergleichszahlen reichte China 2009 und 2010 mehr Entwicklungshilfe aus als die Weltbank. Mitte 2013 erreichten die Weltbank-Kredite für Afrika 40 Milliarden Dollar, jene aus China überstiegen 100 Milliarden Dollar.

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