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Gastbeitrag : Warum gibt es keine Inflation?

  • -Aktualisiert am

Negative Wirkungen auf die breiten Bevölkerunsschichten

Es wird hingegen bisher wenig beachtet, dass die von der Geldpolitik ausgelösten Finanzkrisen auf die Löhne breiter Bevölkerungsschichten negativ wirken. Denn die Krise untergräbt die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften. Aufgrund der hohen Kosten für die Rekapitalisierung der Banken steigt die Staatsverschuldung. Dies zwingt den Staat, bei Löhnen und sozialer Sicherung zu sparen. Auch der private Sektor geizt bei den Löhnen, weil die Zukunft unsicher ist.

Darüber hinaus kündigen in der Krise die Zentralbanken an, auf lange Zeit die Zinsen sehr niedrig zu halten. Dies verführt die Banken, faule Kredite an nicht mehr renditeträchtige Unternehmen weiterzuführen. Denn würden viele Kredite ausfallen, würden die Schieflagen der Banken sichtbar. Überkommene Strukturen werden damit zementiert. Immer weniger neue Investitionsprojekte mit hoher Produktivität werden auf den Weg gebracht.

Da aber Produktivitätsgewinne die Grundlage für reale Lohnerhöhungen sind, schwindet auch langfristig der Spielraum für Lohnerhöhungen. Immer größere Teile der Bevölkerung – insbesondere junge Menschen – geraten in schlechter bezahlte, sozial weniger abgesicherte Beschäftigungsverhältnisse. Zeitarbeit, Leiharbeit und befristete Arbeitsverträge haben Hochkonjunktur. In Japan, wo sowohl die schleichende Krise als auch die Geldschwemme als Krisentherapie am längsten andauern, sinkt das durchschnittliche Lohnniveau seit 1998 stetig. Waren 1990 (als die Blase platzte) 20 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse prekär, sind es heute 40 Prozent.

„Mästen“ der Finanzmärkte

Wenn aber die Einkommen und Einkommenserwartungen breiter Bevölkerungsschichten, deren Konsumgewohnheiten von den Konsumentenpreisindizes der Zentralbanken abgebildet werden, stagnieren, gibt es auch keine Inflation. Zwar steigen die Einkommen und die Nachfrage der höchsten Einkommensschichten. Doch die steigenden Preise von Luxuswohnungen, exklusiven Urlauben, teuren Autos und edler Bekleidung werden nicht ausreichend erfasst.

Die Zentralbanken weigern sich vielmehr hartnäckig, über die negativen Auswirkungen ihre Politik auf die Inflation öffentlich nachzudenken. Die Inflationsziele sind vielmehr Feigenblätter, um andere Ziele wie die Stabilisierung – oder „das Mästen“ – der Finanzmärkte weiter voranzutreiben. Ebenso werden immer größere Anteile der wachsenden Staatsverschuldung von den Zentralbanken aufgekauft.

Letzteres sieht die Politik mit Wohlwollen. Diese Geldpolitik hat aber langfristig ihren Preis: Die negativen Wachstums- und Verteilungseffekte bilden den Nährboden für Frustration wachsender Bevölkerungsschichten. Das politische Spektrum in vielen Ländern polarisiert sich. Nicht zuletzt deshalb ist bei Draghi, Kuroda & Co. ein Umdenken nötig: Preisstabilität ist kein Wert für sich. Sie wurde als Ziel eingeführt, um die Geldpolitik möglichst verteilungsneutral zu gestalten und ein gutes Umfeld für Wachstum und Lohnsteigerungen für alle zu schaffen. Wenn die Zentralbanken beide Ziele unterminieren, ist es höchste Zeit für eine geldpolitische Umkehr.

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