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Gastbeitrag : Warum gibt es keine Inflation?

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Die Inflationsziele hatten einen Grund. Die Inflation der 1970er Jahre hatte gezeigt, dass sie nicht, wie damals von Bundeskanzler Schmidt erhofft, die Arbeitslosigkeit senken konnte. Stattdessen nahmen das Wachstum und aufgrund steigender Preise die Kaufkraft der Löhne ab. Zudem hat Inflation unerwünschte Verteilungseffekte. Nicht nur die meisten Empfänger von Lohneinkommen, sondern auch die Sparer verlieren. Beispielsweise beraubte die Hyperinflation der 1920er Jahre große Teile der deutschen Mittelschicht ihrer Vermögen. Hingegen profitieren Schuldner wie der Staat, weil Schulden geringer verzinst und leichter zurückgezahlt werden.

Die durch die Inflationsziele errichteten engen Grenzen für die Kreditvergabe können umgangen werden, wenn die Geschäftsbanken das frische Geld der Zentralbanken in die Finanzmärkte schleusen. Es können zum Beispiel mehr Immobilien- oder Aktienkäufe finanziert werden, so dass Aktien- und Immobilienpreise steigen. Da die Preise von Gütern und Dienstleistungen von dem Finanzmarktboom zunächst unberührt bleiben, können die Finanzinstitute die Kreditvergabe immer weiter erhöhen, ohne dass die Zentralbank dem Kreditschöpfungsprozess Grenzen setzt. Aktien- und Immobilienpreise steigen weiter.

Die nächste große Blase?

Solche kreditgetriebenen Boomphasen gab es in den vergangenen Jahrzehnten viele und immer größere: die japanische Blasenökonomie, die Dotcom-Euphorie um die Jahrtausendwende, der amerikanische Hypothekenmarktboom, nicht nachhaltige Euphoriephasen in Südostasien, Russland oder China oder in den heutigen europäischen Krisenländern. Immer herrschte Goldgräberstimmung im Finanzsektor.

Die Inflation stieg erst sehr verzögert an, wenn sich die Besitzer von Aktien und Immobilien reicher fühlten und deshalb mehr konsumierten. Schränkten die Zentralbanken schließlich mit Zinserhöhungen die Kreditvergabe ein, hatten sich bereits große Blasen aufgebaut, die platzten. Die Finanzsektoren gerieten ins Taumeln.

Doch meist kam Rettung: Die Regierungen stützten insolvente Finanzinstitute. Die Zentralbanken fluteten die Finanzmärkte mit noch mehr billiger Liquidität, um möglichst viele Finanzinstitute vor dem Bankrott zu bewahren. Das ist schön für die Beschäftigten im Finanzsektor. Trotz Fehlspekulation gibt es meist keine großen Entlassungen. Extreme Einschnitte in Löhne und Bonus-Zahlungen bleiben aus.

Die Geldschwemme selbst drückt die Preise

Und die Inflation? Es gibt viele Gründe, warum in den Finanzkrisen die von den Zentralbanken gemessenen Preise trotz oder sogar wegen der Geldschwemme nicht steigen. Erstens ist die Niedrigzinspolitik eine Subvention für Unternehmen. Die traditionell hohen Ausgaben für Fremdkapital wurden seit Mitte der 1980er Jahre von den Zentralbanken stetig gedrückt. Da die Geldschwemme die Aktienpreise nach oben treibt, können große Unternehmen zu hohen Kursen Aktien ausgeben und damit Schulden tilgen.

Die sinkenden Kosten für Kapital gaben die Unternehmen teilweise an die Konsumenten in Form niedrigerer Preise weiter. Dieser Prozess wurde verstärkt, weil seit Mitte den 1990er Jahren ein starker Kostendruck von China ausging. Das Land belieferte die Weltmärkte mit billigen Gütern.

Zweitens hat die Geldpolitik Verteilungseffekte. Die Zentralbanken drücken die Verzinsung risikoloser Anlageformen wie Spareinlagen oder festverzinslicher Wertpapiere, die oft von der risikoscheuen Mittelschicht gehalten werden. Hingegen werden die Preise von Vermögenswerten wie Aktien und Immobilien nach oben gepresst. Diese Anlageformen werden weit überdurchschnittlich von hohen Einkommensklassen gehalten, die von der Geldschwemme profitieren. Mit den Gewinnen der großen Unternehmen steigen auch die Dividenden, ebenso die Gehälter des hohen Managements.

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