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EZB-Entscheid : Mario Draghi zündelt schon wieder

Mario Draghi im trojanischen Pferd. Bild: Illustration Nicola Schaller

Die EZB senkt die Zinsen weiter unter null. Für die Sparer ist das bitter, und auch die Aktionäre werden am Ende nicht glücklich.

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          Mario Draghi kam pünktlich und mit einem siegessicheren Lächeln auf den Lippen. Es war exakt 14.30 Uhr, als der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) am vergangenen Donnerstag den Saal betrat, in dem er nach wichtigen Entscheidungen die Presse zu unterrichten pflegt. Viele Male hat Draghi seit seinem Amtsantritt im Jahr 2011 hier schon gesprochen, und viele Male waren die Finanzmärkte regelrecht begeistert von seinen Auftritten: Oft stiegen die Börsenkurse, noch während er sprach. So etwas macht selbstbewusst.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dieses Mal allerdings war alles anders. Mochte Draghi noch so sicher dreinblicken, mochte er noch so oft wiederholen, dass die Geldpolitik der Zentralbank alles in allem ein großer Erfolg sei – an der Börse war in diesem Moment nichts davon zu sehen. Der Dax rauschte nach unten und fiel deutlich unter die Marke von 11000 Punkten (siehe Grafik), auch andere europäische Börsen sanken ins Minus. Der Mann, den sie zeitweise den Magier der Märkte genannt hatten, hatte die Märkte bitterlich enttäuscht.

          Dabei waren die Entscheidungen, die Draghi an diesem Donnerstag verkündete, von großer Tragweite: Die EZB schickt sich nicht nur an, ihr umstrittenes Anleihekaufprogramm mindestens sechs weitere Monate fortzusetzen und Monat für Monat Anleihen in Höhe von 60 Milliarden Euro zu kaufen. Nein, sie senkt auch den Einlagezins, zu dem die Banken bei ihr Geld hinterlegen können, noch einmal: auf nun minus 0,3 Prozent. Das heißt, die Banken müssen Geld dafür zahlen, wenn sie ihr Geld bei der EZB parken – eine Art Strafzins.

          Mehr billiges Geld als früher

          Die Maßnahmen lassen sich für alle, die mit der Welt der Notenbanken eher selten in Kontakt kommen, grob so zusammenfassen: Es fließt nicht nur weiter billiges Geld, sondern sogar noch mehr als früher. An den Börsen löst so etwas üblicherweise Jubelstürme aus. Wieso nicht dieses Mal? Ganz einfach: Weil die Marktteilnehmer noch mehr erwartet hatten. Draghis enorme Popularität bei vielen Investoren hat nämlich mit einer Methode zu tun, die er in der Vergangenheit immer zuverlässig angewandt hat: Stets hat er den Märkten im Vorfeld einer Notenbanksitzung etwas versprochen und dann das Versprechen deutlich übererfüllt – so war es beispielsweise, als es um die exakte Höhe der monatlichen Anleihekäufe ging.

          So betrachtet, ist das, was am vergangenen Donnerstag passierte, eine Zäsur. Draghi habe wie ein ehemals charmanter Liebhaber gehandelt, der einen vom einen auf den anderen Tag im Stich gelassen habe, schrieb die Financial Times. Draghi sah den Fehler dagegen auf der anderen Seite: Die Märkte hätten ihre Erwartungen eben falsch herausgebildet. Innerhalb ihres Mandates habe die EZB alle Freiheiten, ihr Programm noch weiter auszudehnen, sagte er am Freitag.

          Sparen lohnt sich in Deutschland nicht

          Die Börsenreaktion auf diesen gegenseitigen Liebesentzug war jedenfalls so heftig, dass sich nun auch viele Privatanleger fragen: Müssen wir uns jetzt ernsthaft Sorgen machen um unsere Geldanlage? Die ehrliche Antwort lautet: Jeder, der ein Sparbuch hat oder Bundesanleihen besitzt, muss das schon lange. Seit die EZB nämlich mit allen Mitteln ihre Nullzinspolitik verfolgt, wissen viele Sparer nur zu gut, dass Draghi mit der Umschreibung als „charmanter Liebhaber“ viel zu gut wegkommt. Der Mann sorgt mit seinen Entscheidungen dafür, dass sich Sparen in Deutschland nicht mehr lohnt. So traurig das ist: An dieser Situation haben auch die Beschlüsse vom Donnerstag nichts geändert.

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