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Ludwig Erhard : Die Gefährdung der Freiheit durch eine nur auf Konsens bedachte Politik

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Zurückgekehrt: Als Büste wacht der erste Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard über sein Ressort. Der Kopf ist eine Leihgabe von Herbert B. Schmidt Bild: Helmut Fricke

Die große Koalition ist beschlossen. Der Vater der Sozialen Marktwirtschaft, Ludwig Erhard, sagte schon 1968, was er von solchen Konsens-Arrangements hielt - herzlich wenig. Seine Rede vor der Mont Pelerin Society ist heute wieder hochaktuell.

          Jene nationalökonomische Schule, die sich Ökonometrie nennt, glaubt, ihre Widersacher, zu denen ich mich zähle, mit der Charakterisierung „altmodisch“ und „überlebt“ abwerten oder schlechthin abtun zu können. Dieses Phänomen ist umso bemerkenswerter, als sich der wirtschaftliche Wiederaufbau nach dem letzten Weltkrieg – nicht etwa nur in Deutschland, sondern nahezu in der ganzen westlichen Welt – im Zeichen einer modernen liberalen Wirtschaftsordnung und der menschlichen Freizügigkeit vollzog, während sich in diesen zwanzig Jahren fast alle rechenhaft fixierten Prognosen und zahlenmäßigen Vorausschätzungen als irrig und weltfremd erwiesen haben ...

          Immer mehr versucht man, der Öffentlichkeit glaubhaft zu machen, dass die Marktwirtschaft liberaler Prägung gedankenlos allein der Mechanik des Marktes vertraue und das Ergebnis des Marktgeschehens fatalistisch hinzunehmen bereit wäre. Diese Täuschung erscheint dem Laien, dem das System der Planung ohnedies leichter eingeht als das Walten der Freiheit, sogar noch glaubhaft.

          Die deutsche Konjunktur- und Wirtschaftspolitik der letzten Jahre bietet dafür ein geradezu klassisches Beispiel: Als gegen Ende 1965 – nachdem keine Mahnung und Aufklärung mehr gehört wurde – die Deutsche Bundesbank in vollem Einvernehmen mit der Bundesregierung eine restriktive Politik einleitete, um die Geister zur Ordnung zu rufen, setzte mit spürbar werdender Wirkung zugleich auch der Widerstand gegen konjunkturdämpfende Maßnahmen ein. Das angestrebte und auch erreichte Ziel wurde politisch bewusst in Schuld und Versagen umgefälscht, denn weder die Bundesregierung noch die Bundesbank hatten jemals daran gedacht, eine Wirtschaftspolitik einzuleiten, die dem natürlichen und vertretbaren Wachstum Zügel anlegen sollte. Nachweisbar setzte die echte Rezession ja auch erst im Herbst 1966 mit dem Regierungswechsel und der Verkündung einer neuen Politik ein, als deren charakteristisches Merkmal auf wirtschaftspolitischem Gebiet bald die Bereitschaft zu einer großzügigen Kreditpolitik erkennbar wurde ...

          Das gesellschaftliche Geschehen entzieht sich der Machbarkeit

          An dieser Stelle setzt meine Kritik an: Ich behaupte, dass diese moderne Art von Wirtschaftspolitik im höchsten Maß dazu beiträgt, die wirtschaftliche Freiheit zu unterhöhlen und – da es keine geteilte Freiheit gibt – im letzten dem Kollektivismus Vorschub zu leisten. Zwar geben die Planungspolitiker vor, mit ihren verkündeten, auch mit ihren widerrufenen Schätzungen nur unverbindliche „Orientierungshilfen“ leisten zu wollen, aber eine solche Erklärung erheischt dann auch Antwort auf die Frage nach dem Wert und dem Nutzen dieses Beginnens.

          Was indessen die wirtschaftenden Menschen mit Zukunftsberechnungen bis in die Dezimalen anfangen sollen, bleibt unerfindlich. Solche Berechnungen vermitteln keine Erkenntnisse, sondern stiften nur Verwirrung. Zu hören, mit welchen Zuwachsraten eine Regierung in Bezug auf das Sozialprodukt, das Steueraufkommen, die Investitionen und den Verbrauch rechnet oder welche Entwicklung sie hinsichtlich der Preise oder des Außenhandelsvolumens – und was auch immer – erwartet, gibt dem Unternehmer keine Anhaltspunkte über die von ihm zu treffenden und zu verantwortenden Entscheidungen – umso weniger als diese quantitativen Voraussagen erfahrungsgemäß immer wieder korrigiert werden müssen, wogegen unternehmerische Entscheidungen meist endgültig und unwiderrufbar sind.

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