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Ludwig Erhard : Die Gefährdung der Freiheit durch eine nur auf Konsens bedachte Politik

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Vordergründig gesehen, lassen sich viele Gründe anführen, die angesichts der geistig gar nicht mehr einzufangenden und alle Daseinsformen erfassenden Entwicklung immer stärkere Zweifel zu rechtfertigen scheinen, ob in unserer Welt Freiheit überhaupt noch bestehen könne oder ob dieser Wert nicht schon verspielt wäre. Bestenfalls – so hört man – ließe sich das Prinzip noch durch eine behördliche Rationierung retten, die den Bürgern und ihren Gruppen das jeweils statthafte Maß an Freiheit zuweist. Die schon mit einer Beschränkung der individuellen Freiheit verbundene staatlich manipulierte Ordnung macht in der Regel immer weitere und erweiterte Eingriffe in das sozialökonomische Geschehen erforderlich, die mit neuen Verlusten an Freiheit zu bezahlen sind. Ich predige kein „Hand-in-den-Schoß-legen“, wenn ich beklage, dass wir offenbar nicht mehr die Nerven haben, Prozesse ablaufen zu lassen oder auf selbstheilende Kräfte zu vertrauen. Viele fordern vielmehr Aktionen, weil sich nur mit ihnen Ruhm ernten lässt.

Die Freiheit ist nur für den zu retten, der sie besitzen und verteidigen will ... Freiheit entfaltet sich auch nicht im wertfreien Raum. Auch dort, wo wir von individueller Freiheit sprechen, meinen wir die Bezogenheit auf das menschliche Gewissen und die Einordnung in Gemeinschaft und Gesellschaft. Ich wiederhole, was ich schon oft gesagt habe: Freiheit ohne Ordnung treibt nur zu leicht ins Chaotische, und Ordnung ohne Freiheit überantwortet uns dem Zwang ...

Die geistige Armut unserer Zeit

Die Härte und Schärfe, mit denen ich die Freiheit, die ich meine, verteidige und geschützt wissen möchte, könnten auf eine Intoleranz meinerseits schließen lassen, die mit der Forderung nach Schutz der individuellen und freien Meinung im Allgemeinen, aber der gegensätzlichen Meinung im Besonderen unvereinbar wäre. Eine solche Auslegung ginge indessen an der Zeiterscheinung vorbei, dass die Unfreiheit als angeblich unentrinnbares Schicksal immer duldsamer hingenommen wird, während versucht wird, das Einstehen für die Freiheit als kapitalistisch oder reaktionär, als revanchistisch oder als Ausdruck spießbürgerlicher Gesinnung zu brandmarken. Anstelle freiheitlicher Gesinnung soll schablonenhafte Gesinnungstreue treten, und jede individualistische Haltung wird als volksfremd oder volksfeindlich abgelehnt ...

Der Verlockungen, vom Pfad der Tugend abzuweichen, gibt es viele ... Die geistige Armut unserer Zeit zeigt sich jedoch vor allem darin, dass der Pragmatismus im politischen Bereich fast allgemein als weise und besonnen gilt, aber niemand danach fragt, ob die sich dahinter oft verbergende Grundsatzlosigkeit überhaupt eine politische Tugend sein kann. Sich harten Realitäten zu beugen entspricht nicht der politischen Vernunft, da es doch fast immer Möglichkeiten gibt, Voraussetzungen zu ändern oder andere Wege einzuschlagen. So gesehen, ist Pragmatismus einer halben Kapitulation gleichzusetzen: Er ist jedenfalls der Weg des geringsten Widerstands.

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