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Ludwig Erhard : Die Gefährdung der Freiheit durch eine nur auf Konsens bedachte Politik

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Eine so ausgerichtete Wirtschaftspolitik schafft eine bedenkliche Konfliktsituation, denn da die „Prognostiker ohne Haftung“ ihre Vorhersagen selbstverständlich geglaubt wissen wollen, beeinträchtigen sie mindestens psychologisch die freien Entschlüsse der Unternehmer und vielleicht auch das Verhalten der Verbraucher. Würden diese nach ihrem freien Ermessen handeln, verlören die Vorausschätzungen ihren Sinn und würden korrekturbedürftig. Der Staat selbst stünde dann vor der Entscheidung, ob er das Votum des Marktes hinnehmen oder mit seinen Mitteln – etwa kredit- oder steuerpolitischer Art – versuchen soll, dem Markt seinen Willen aufzuzwingen.

Damit leugne ich selbstverständlich nicht die Berechtigung oder vielleicht sogar die Notwendigkeit, zu gegebener Zeit vom verfügbaren wirtschaftspolitischen Instrumentarium Gebrauch zu machen. Mir scheint es jedoch notwendig zu betonen, dass die Wirtschaftspolitik immer einer Orientierung an gesellschaftspolitischen Wert- und Ordnungsvorstellungen bedarf. Das Wesen der Marktwirtschaft erschöpft sich nicht in Technik und Mechanik ... Das Leben lässt sich nicht rechenhaft einfangen, und das gesellschaftliche Geschehen entzieht sich der Machbarkeit. Das ist denn auch der Grund dafür, dass wir dem immer weiteren Vordringen des Staates in menschliche Lebensbereiche mehr inneren geistigen Widerstand entgegensetzen sollten ...

Freiheit entfaltet sich nicht im wertfreien Raum

Menschen wollen ihre Individualität, ihr eigenständiges Leben bewahren und sich nicht wie Sachen am Ende gar selbst verplanen lassen. Die Frage ist also, ob und inwieweit Staat und Gesellschaft das Leben eines Volkes in seiner Ganzheit gestalten und beherrschen können, ohne den Bürgern ein Termitendasein aufzuzwingen, oder ob das Walten der Freiheit in hinreichendem Maße von sich aus eine gesellschaftliche Ordnung zu verbürgen in der Lage ist. Die einen werden zu dieser Frage sagen, dass die Unübersichtlichkeit und das Unwägsame eine volkswirtschaftliche Planung erforderlich machen, während die anderen umgekehrt der Überzeugung sind, dass aus den gleichen Gründen jede Planung versagen muss und dass nur eine gleichgewichtige Ordnung die Funktionsfähigkeit des Marktes sichert und uns damit die Freiheit bewahrt.

Der Zeitgeist ist der Ökonometrie zweifellos günstig. Soweit ich auch davon entfernt bin, ihre Vertreter der Absicht einer bewussten Aushöhlung der Freiheit zu bezichtigen, lässt sich nach meiner Überzeugung diese Folge gar nicht vermeiden. Abgesehen von der erstaunlichen Anpassungsfähigkeit der wirtschaftlichen und sozialen Gruppen, wird auch der einzelne Unternehmer müde werden, gegen den Strom zu schwimmen, obwohl er selbst am besten oder in vielen Fällen sogar nur allein zu beurteilen vermag, was ihm im Rahmen seiner Verantwortung frommt. Und schließlich wird es jedem Staatsbürger leid, immer aufs Neue wider den Stachel zu löcken. Auf diese Weise verwandelt sich der Staatsbürger zum Untertan ...

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