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Lokführer-Streik : „Wenn das durchkommt, häng ich mir ein Bild vom Schell auf“

Streik aus Prinzip: Rolf Rohrbach Bild: Nadine Bös - FAZ.NET

An diesem Freitag sollte Rolf Rohrbach eigentlich eine S-Bahn von Frankfurt nach Bad Soden lenken. Statt dessen trinkt er Kaffee mit seinen Kollegen. Rolf Rohrbach streikt. Für mehr Lohn, für einen eigenen Tarifvertrag und für die GDL. Nadine Bös hat ihn begleitet.

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          Schon mit fünf Jahren wollte Rolf Rohrbach Lokführer werden. „Den Kindheitstraum haben ja viele“, sagt er. „Aber ich bin einer der wenigen, die ihn verwirklicht haben.“ Seit acht Jahren ist der 26-Jährige inzwischen bei der Bahn. An diesem Freitagmorgen sollte er eigentlich eine S-Bahn von Frankfurt in Richtung Bad Soden lenken. Kurz nach acht hätte seine Schicht begonnen. Statt dessen steht er mit etwa zwanzig Kollegen am Frankfurter Hauptbahnhof und trinkt Kaffee. Rolf Rohrbach streikt. Für mehr Lohn, für einen eigenen Tarifvertrag und für die GDL - „ist doch klar“.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Es ist wohl der heftigste Streik, den die Lokführergewerkschaft im aktuellen Tarifkonflikt angezettelt hat. 22 Stunden sind geplant, einige Kollegen von Rolf Rohrbach stehen schon seit zwei Uhr nachts am Kaffeestand. Einen Freitag haben sich die Lokführer ausgesucht. Wochenendreiseverkehr, frustrierte Pendler, verwirrte Buchmessenbesucher und dann noch am Vorabend ein Gespräch mit der Bahn, bei dem heraussprang, dass der Arbeitgeber am Montag ein neues Angebot vorlegen wird. Eine größere Provokation hätte man sich kaum ausdenken können.

          „Auf was sollen wir denn noch alles Rücksicht nehmen?“

          Von Furcht vor schwindendem Verständnis in der Bevölkerung ist den Lokführern aber nichts anzumerken. „Auf was sollen wir denn noch alles Rücksicht nehmen?“, sagt Streikleiter Ingo Klett. Wissendes Nicken in der Kaffeerunde. Dass man diesmal zu weit gegangen sei, das glaubt hier keiner.

          Unaufgeregt: Die streikenden Kollegen von der GDL

          Dennoch - es geht ruhig zu in der Runde der Lokführer, fast zu gesittet für einen der größten Arbeitskämpfe der kleinen Gewerkschaft. Man hat sich ins Untergeschoß der Bahnhofspassage zurückgezogen, die Trillerpfeifen zu Hause gelassen, die Streikwesten ausgezogen. „Wir wollen ja nicht provozieren und wieder aus dem Hauptbahnhof rausfliegen“ sagt der Streikleiter.

          „Duschen will man ja auch mal“

          Statt dessen werden Geschichten ausgetauscht, über den Schichtplan, die Arbeitszeiten, kuriose Fahrgäste. „Selten hat man so viel Gespräche mit den Kollegen, wie während eines solchen Streiks“, sagt Lokführer Rohrbach. Jeder hat sein Quäntchen beizutragen zur allgemeinen Lästerei. Rohrbach ist ziemlich gut darin, das Leid der Lokführer plastisch zu schildern. „Oft komme ich nur vier Stunden zum Schlafen zwischen zwei Schichten“, erzählt er. „Mit dem Anfahrtsweg zur Arbeit und ein bis zwei Stunden Freizeit ist manchmal nicht mehr drin. Duschen will man ja auch mal.“ Vor sechs Wochen hat sich seine Frau von ihm getrennt. Hatte er zu wenig Zeit für sie? Er weiß es nicht. „Sie hat mir die Gründe nicht gesagt.“

          Man müsse Verständnis haben, sagt Streikleiter Klett. „Wir haben den Sanierungskurs der Bahn lange mitgetragen, auf Gehalt verzichtet und auf einen Urlaubstag. Jetzt sind wir mal dran.“

          „Auf Sie können wir verzichten“

          Oben im Hauptbahnhof, wo die Züge stehen, haben einige Reisende dann aber doch nicht so viel Verständnis für die Lokführer. Als sich Klett kurz am Bahnsteig sehen lässt, muss er sich anschreien lassen. „Auf Sie können wir verzichten“, pöbelt ein Reisender. „Eine Frechheit, eine Unverschämtheit, die Bahn hat Ihnen doch gerade ein Angebot gemacht.“

          Die Stimmung unter den Lokführern trübt das nicht. „Für uns läuft es doch gut“, sagt der Streikleiter. Wenn weniger als 60 Prozent der Regionalzüge fahren, ist er zufrieden. Die Nachricht, dass sich einige Kollegen aus dem Fernverkehr „zufällig“ krank gemeldet hätten, macht die Runde am Kaffeetisch. Einige seien auch wegen ausfallender Züge zu spät zur Arbeit gekommen. Rolf Rohrbach strahlt. Der Streikleiter auch. Sowas hört man gern.

          Fahnen für die Kameras

          Um die 1700 Euro netto im Monat verdienen die meisten Lokführer in der Runde. In Zukunft sollten es mindestens 2000 sein, darüber herrscht Einigkeit. Die Sorge, dass zu hohe Löhne Entlassungen oder noch heftigere Arbeitszeiten nach sich ziehen könnten, teilt hier keiner. „Die Bahn macht doch Gewinne - und nicht zu knapp.“ Einigen hier geht es aber angeblich gar nicht ums Geld, sondern ums Prinzip. „Wir haben hier doch die Verantwortung für Tausende Menschenleben“, sagt Rohrbach. Trotz privater Schwierigkeiten, er liebt seinen Job - immer noch. „Lokführer, das war immer mein Lebenstraum und das bleibt auch so, das versaut einem auch so ein Tarifstreit nicht“. Nach acht Jahren treuer GDL-Mitgliedschaft träumt auch er vom eigenen Lokführer-Tarifvertrag. „Wenn das durchkommt“, sagt er, „dann häng ich mir ein Bild vom Schell ins Wohnzimmer. Das schwör ich.“

          Allmählich ist der Kaffee ausgetrunken, die Geschichten ausgetauscht, der verrückte Betrunkene, der in der Bahnhofspassage herumtorkelt, gebührend ausgelacht. Bevor es langweilig wird ruft der Streikleiter zur Kundgebung auf. Die Gruppe pilgert zur GDL-Geschäftsstelle gegenüber des Hauptbahnhofs. Dort holen sie dann doch noch die Streikwesten heraus. „Ich hasse die Dinger“, tönt es irgendwo aus dem Raum, während sich die Lokführer in die Plastikleibchen quälen. „Sind doch sexy“, ruft jemand in der anderen Ecke. „So voll war's hier noch nie“, lässt sich der Geschäftsstellenleiter hören. Ein paar Fahnen werden verteilt, um sie in die Kameras zu halten. Die Demo selbst findet draußen statt. Ins Bahnhofsgebäude wagen sich die Lokführer doch lieber nicht. „Wir wollen ja nicht provozieren“, sagt der Streikleiter noch mal.

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