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Lokführer-Streik : Massive Ausfälle und leere Bahnhöfe

  • Aktualisiert am

Am Hauptbahnhof in Köln Bild: dpa

Seit 2.00 Uhr bestreiken die Lokführer den Regionalverkehr. Bis zu 50 Prozent der Nahverkehrszüge fallen aus. Der Fernverkehr läuft aber stabil. Am kommenden Montag und Dienstag wollen die Lokführer nicht streiken.

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          Der Lokführer-Streik hat am Freitagmorgen den Nahverkehr in großen Teilen Deutschlands lahmgelegt. In einzelnen Regionen seien im Berufsverkehr bis zu 50 Prozent der Nahverkehrszüge und S-Bahnen ausgefallen, sagte ein Bahn-Sprecher. Mehrere Bahnhöfe blieben aber auch ungewöhnlich leer, weil Pendler verstärkt auf andere Verkehrsmittel wie das Auto umstiegen. Es gebe praktisch keine Großstadt ohne stockenden Verkehr oder Staus, sagte ADAC-Sprecherin Maxi Hartung im ZDF-“Morgenmagazin“. Die Lokführer der Gewerkschaft GDL wollen im Nahverkehr den ganzen Tag bis 24.00 Uhr streiken. Der Ausstand dürfte Millionen Bahnreisende treffen.

          Ein Teil der Nahverkehrszüge ist jedoch trotzdem unterwegs, weil nicht alle Lokführer der GDL angehören und viele als Beamte nicht streiken dürfen. Befürchtete Behinderungen für den Fernverkehr wurden zunächst nicht gemeldet. Die Lage könnte allerdings noch dadurch erschwert werden, dass am Freitag der letzte Schultag vor dem Ferienbeginn in sechs Bundesländern ist.

          München und Stuttgart schwer betroffen

          Besonders schwer von dem Streik seien unter anderem die S-Bahnen in München, Stuttgart und im Großraum Halle-Leipzig betroffen, teilte die Bahn mit. Bei der Berliner S-Bahn sei zeitweise nur die Hälfte der Züge unterwegs gewesen. Auch in Bayern stehe jeder zweite Regionalzug. Erhebliche Störungen gebe es auch im Regionalverkehr in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen.

          Jeder zweite Zug soll fahren

          Bei Frankfurter S-Bahnen wollte die Bahn einen Betrieb im Ein-Stunden-Takt schaffen. Ein bundesweiter Schnitt oder eine Gesamtzahl der ausgefallenen Züge ließen sich zunächst nicht beziffern, hieß es. Auch die GDL hatte am Morgen keine Angaben über das bundesweite Ausmaß des Streiks.

          Bahn fordert sofortiges Ende des Streiks

          Die Bahn betonte, wegen der kurzfristigen Ankündigung des Streiks sei es nicht möglich gewesen, Ersatzfahrpläne aufzustellen. Man bemühe sich, verstärkt Beamte in den Schichten einzusetzen und einen Schienenersatzverkehr mit Bussen aufzubauen. Sowohl die Bahn als auch die GDL empfehlen den Reisenden, andere Verkehrsmittel zu nutzen. Ein Hamburger Radiosender verloste unter seinen Zuhörern Taxi-Fahrten.

          Die Bahn kritisierte den Streik scharf. Der Ausstand sei unverständlich und unverantwortlich, nachdem Bahnchef Hartmut Mehdorn am Vorabend ein neues Angebot für Montag in Aussicht gestellt hatte, sagte Bahn-Sprecher Gunnar Meyer. Bahn-Vorstandsmitglied Karl-Friedrich Rausch hat die
          Lokführergewerkschaft GDL zum Abbruch ihres ganztägigen Streiks aufgefordert: „Ich appelliere an die Gewerkschaft, an die Kunden zu denken und die unsinnigen Streiks zu beenden. Jede Stunde hilft hier“

          Mehdorn hatte am Donnerstagabend gesagt, er gehe davon aus, dass mit einem neuen Angebot wieder die Friedenspflicht gelte. GDL-Chef Manfred Schell konterte aber, der Streik sei wenige Stunden vor Beginn nicht mehr abzuwenden. Am Montag und Dienstag solle aber nicht gestreikt werden.

          Schell: „Wir sind es leid, mit uns Kasperle spielen zu lassen“

          Wenn das Angebot der Bahn auf dem Vorschlag der Moderatoren Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler basieren würde, gebe es gute Chancen, dass es zu keinen weiteren Streiks komme, sagte Schell am Freitag im WDR-Hörfunk. Dann könne es sein, dass bis zum 31. Oktober keinen Arbeitskampf mehr geführt, sondern an einem Ergebnis gearbeitet werde. Für eine Beendigung des Streiks sieht der GDL-Chef „gute Chancen, wenn der Arbeitgeber nicht wieder ein krummes Spiel spielt“.

          Dass die Gewerkschaft nach dem Berliner Spitzengespräch den Streik nicht abgesagt hat, begründete Schell zum einen damit, dass 200
          Ortsgruppen und Streikleitungen nicht kurzfristig hätten informiert werden können. Zum anderen kritisierte er: „Es geht darum, dass die
          Bahn ein Ultimatum, das wir bis Dienstag gesetzt haben, nutzlos hat verstreichen lassen. Und wir sind es leid, mit uns Kasperle spielen zu lassen.“

          GDL: Bahn übt Druck auf Streikende aus

          Nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) könnte der Streiktag der Volkswirtschaft einen Schaden von bis zu 25 Millionen Euro zufügen, der Bahn allein 7 Millionen Euro.

          Die GDL-Lokführer begannen ihren Streik wie angekündigt um 2.00 Uhr. Der Ausstand hatte zunächst kaum Auswirkungen, weil um diese Zeit praktisch keine Regionalzüge und S-Bahnen fahren. Allerdings sei der frühe Zeitpunkt extra gewählt worden, damit die Züge gar nicht erst die Depots verlassen, sagte GDL-Sprecherin Seibert. Damit solle verhindert werden, dass stehengebliebene Nahverkehrszüge auch ICE- und Intercity-Züge aufhalten. Die GDL-Lokführer dürfen nach einem Gerichtsbeschluss den Fernverkehr nicht bestreiken. Die GDL kritisierte, dass die Bahn versuche, die Streikenden mit „fingierten Notdienstausweisen“ zum Arbeiten zu zwingen.

          Die Bahn hatte zuletzt Einkommenserhöhungen von 4,5 Prozent angeboten, wie mit den Gewerkschaften Transnet und GDBA vereinbart. Mit Mehrarbeit könnten die Lokführer netto auf etwa zehn Prozent mehr Geld kommen, erklärte die Bahn. Die GDL lehnt dieses Angebot ab. Sie fordert vor allem einen eigenständigen Tarifvertrag.

          Die Bahn empfiehlt, sich über die Lage im Internet unter www.bahn.de/aktuell sowie über die kostenlose Service-Hotline 08000 99 66 33 zu informieren. Sie war in den frühen Morgenstunden allerdings schwer zu erreichen. Die Bahn setzt aber zusätzlich 1000 Service-Mitarbeiter an den Bahnhöfen ein. Kunden aus dem Ausland können sich telefonisch bei der Service-Hotline +49 1805 33 44 44 informieren.

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