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Lockere Geldpolitik : „Die Fed spielt mit dem Feuer“

Staatsfinanzierer auf Zeit: Hauptsitz der Fed in Washington Bild: AP

Der Federal Reserve drohen Verluste in Milliardenhöhe, wenn sie ihre lockere Geldpolitik wieder zurücknehmen will. Oder gar die Insolvenz. Rund um das Thema rankt sich in Amerika eine sorgenvolle Debatte.

          88,4 Milliarden Dollar. Diesen Rekordbetrag hat die amerikanische Notenbank Federal Reserve für das vergangene Jahr an das Finanzministerium überwiesen. In den Vereinigten Staaten wird die Summe weitgehend als eine Art Erfolgsausweis der Fed und als ein Gewinn für den Staat gesehen. Diese Sicht führt aber in die Irre. Der Großteil der Überweisung resultiert aus den Zinserträgen auf die Anleihen, welche die Fed im Zuge der quantitativen Lockerung gekauft hatte. Das sind vor allem Staatsanleihen. Der scheinbare Gewinn für den Staat ist so nur eine Umbuchung: Das Ministerium überweist der Fed Zinsen, die die Fed abzüglich ihrer Kosten an das Ministerium zurückschickt.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Rund um den vermeintlichen Gewinn des Staates rankt sich in Amerika eine sorgenvolle Debatte, ob der Staat künftig noch auf Überweisungen der Fed hoffen darf. Ökonomen der Notenbank kamen in einer Studie zum Schluss, dass die Überweisungen für mehrere Jahre ausfallen werden, wenn die Fed irgendwann in der Zukunft, wenn die Wirtschaft wieder stärker wächst, ihre Geldpolitik straffen wird. Der Grund: Infolge von dann wieder steigenden Zinsen verlieren die Anleihen im Fed-Portfolio an Wert. Beginnt die Notenbank mit dem Verkauf der Anleihen, um ihre Bilanz auf Normalmaß zu schrumpfen, muss sie nach der Studie Verluste von vielleicht mehr als 100 Milliarden Dollar im Jahr realisieren.

          Der Fed-Vorsitzende Ben Bernanke wischt Sorgen um ausbleibende Überweisungen an das Finanzministerium beiseite. „In dem Ausmaß, in dem die Geldpolitik das Wachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen unterstützt, stellt der folgende Rückgang des Bundesdefizits jegliche Schwankung der Fed-Überweisungen an das Finanzministerium in den Schatten“, sagte er Ende Februar.

          Die Fed wird die Verluste gegen einen neuen Bilanzposten buchen, der Ansprüche auf künftige Zinseinkünfte vom Ministerium sammelt. „Der Bilanztrick verschleiert, dass die Fed im Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik womöglich vor der Insolvenz steht“, sagt Robert Eisenbeis, der Chef-Geldökonom der Anlageberatungsgesellschaft Cumberland Advisers. Nach seiner Rechnung reicht ein Anstieg der Zinsen aller Anleihelaufzeiten um 0,33 Prozentpunkte, um den Marktwert des Kapitalkontos der Fed auf Null fallen zu lassen. Eisenbeis erwartet ferner, dass der Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik turbulenter verlaufen wird, als die Fed-Ökonomen es in ihrer Studie unterstellen.

          Bernanke facht die Debatte zusätzlich an

          „Kein Berater wird zusehen, wie das in Anleihen angelegte Geld seiner Kunden durch eine Reihe von Zinsanhebungen erodieren wird“, sagt Eisenbeis. Also werden die Anleihekurse schnell fallen und die Marktzinsen schnell steigen, wenn die Fed den Ausstieg einläutet - und ihre Verluste werden schnell kommen. „Der Fed droht ein Verlust ihrer finanziellen Unabhängigkeit“, warnt Marvin Goodfriend, ein Ökonom von der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh. Das werde Zweifel wecken, ob sie dann hart genug gegen Inflationsrisiken vorgehen wird.

          Bernanke hat die Debatte zusätzlich angefacht. Er stellte als Möglichkeit in Aussicht, dass die Fed im Ausstieg die erworbenen Anleihen gar nicht verkaufen, sondern einfach bis zur Fälligkeit behalten könne. „Bald einmal“ werde die Fed ihre Ausstiegsstrategie überarbeiten müssen, sagte Bernanke. Eine erste Ausstiegsstrategie hatte der Offenmarktauschuss im Juni 2011 beschlossen, am Ende der zweiten Runde der quantitativen Lockerung. Zur geldpolitischen Normalisierung würde die Fed nach dieser Strategie zunächst aufhören, Erträge aus ihrem Anleiheportfolio wieder anzulegen. Dann würde sie den Leitzins anheben und danach mit dem Verkauf der Hypothekenanleihen in ihrem Portfolio beginnen, der sich über 3 bis 5 Jahre erstrecken soll. Zum möglichen Verkauf von Staatsanleihen äußerte die Fed sich im Juni 2011 aber noch nicht.

          „Es ist schwer, sich vorab zu binden“

          Seither hat sich einiges geändert. Durch weitere Ankäufe von Staats- und Hypothekenanleihen ist die Bilanz der Fed auf 3,2 Billionen Dollar angeschwollen. Zugleich verlängerte sich die durchschnittliche Laufzeit der Staatsanleihen im Portfolio um rund 3 auf etwa 10 Jahre. Der Weg zu einer Normalisierung der Geldpolitik wird so länger dauern als bisher geplant. Volkswirte erwarten nach einer Umfrage der Zeitung „Wall Street Journal“ eine Normalisierung der Bilanz erst für Dezember 2019.

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