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Liliane Bettencourt : Die alte Frau und das Geld

Frankreich rätselt: Ist Liliane Bettencourt noch geschäftsfähig? Bild: AP

Wenn der Geisteszustand einer Greisin zur Staatsaffäre wird: Die Milliardärin und L‘Oréal-Erbin Liliane Bettencourt steht in Frankreich im Mittelpunkt einer unglaublichen Geschichte um Macht, Geld, Gefühl und Politik. In der kommenden Woche soll sie selbst vernommen werden.

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          Sie führen eine erbitterte Justizschlacht um Geld, Einfluss – und Liebe. Sie sehen einander nur noch, wenn der Aufsichtsrat des Kosmetikkonzerns L’Oréal zusammentritt. Dabei liegen ihre Villen in der feinen Rue Delabordère im Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine nur knapp 50 Meter auseinander. Der Zwist zwischen Liliane Bettencourt, 87 Jahre, und ihrer einzigen Tochter Francoise Bettencourt-Meyers, 57 Jahre, hält ganz Frankreich in Atem. Denn die Missstände im Haus der reichsten Witwe Frankreichs haben zu Kettenreaktionen in Politik und Justiz geführt. Wie lange kann der weltweit größte Kosmetikkonzern mit Sitz in Frankreich unbeschadet aus der Affäre hervorgehen?

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Als Warnschuss muss die Klage eines Kleinaktionärs gelten. Dieser hat den Zehnjahresvertrag angefochten, der dem Dandy Franois-Marie Banier seit 2002 ein Jahresgehalt von 405.000 Euro zugesteht als „Berater für Kunst- und Modefragen“ bei L’Oréal. Der Kleinaktionär sieht in dem Vertrag eine Veruntreuung von Firmengeldern. Die Justiz muss prüfen, ob Banier eine Beratungsleistung erbracht hat. Der Vertrag geht auf den Wunsch der L’Oréal-Hauptaktionärin Liliane Bettencourt zurück, die den Fotografen und Lebemann Banier seit Jahr und Tag aushält. Fast eine Milliarde Euro in Form von Bargeld, Lebensversicherungen, Immobilien und Gemälden hat die spendable Witwe ihrem Günstling vermacht.

          Ohrfeigen wegen falschen Lippenstiftes

          Als dieser sie nach dem Tod ihres Ehemannes André Bettencourt im November 2007 bedrängte, ihn zu adoptieren („Das L’Oréal-Vermögen reicht für zwei Kinder“, soll er ihr gesagt haben), schritt Tochter Françoise ein. Sie reichte Klage ein wegen „Ausnutzung von Schwäche“. Sie traut ihrer betagten Mutter nicht mehr zu, allein ihr Vermögen verwalten zu können – schlimmer noch, sie verdächtigt die alte Dame, hilflos dem Einfluss ihrer Entourage ausgeliefert zu sein.

          Bettencourt-Affäre : Pariser Sommertheater

          Bei einem Verhör sagte Françoise Bettencourt-Meyers, sie sei durch eine treue Angestellte ihrer Mutter auf die ungeheuerlichen Vorgänge in der Villa der Kosmetikdynastie aufmerksam geworden. Buchhalterin Claire Thibout schüttete der Tochter ihr Herz aus, weil sie es unerträglich fand, wie ihre Arbeitgeberin von Banier und dem 2003 eingestellten Vermögensverwalter Patrice de Maistre ausgenommen wurde. Mal soll Banier die schwerhörige Milliardärin angebrüllt haben, dass sie ihm ihren Schmuck schenke, dann wieder soll er sie geohrfeigt haben, weil sie die falsche Lippenstiftfarbe trug.

          Vermögensverwalter de Maistre wiederum bettelte sie an, ihm einen einstelligen Millionenbetrag am französischen Fiskus vorbei von einem Schweizer Konto zu übertragen, damit er sich eine größere Yacht kaufen könne.

          Der Butler, der seit Jahrzehnten dem Ehepaar Bettencourt zu Diensten war, beobachtete die Vorgänge mit zunehmendem Widerwillen. Wenn er den Tee im Salon von Madame Bettencourt servierte, lag auf dem Silbertablett ein Aufnahmegerät versteckt, mit dem er heimlich die Gespräche aufzeichnete. Als ihm gekündigt wurde, brachte er die Mitschnitte zu Françoise Bettencourt-Meyers. Diese übergab die Aufzeichnungen der Justiz.

          Sie wiederholt beständig, was sie auswendig gelernt hat

          Liliane Bettencourt ist auf den Tonbändern mit leiser Stimme zu hören, sie wirkt zerstreut und unfähig, ihren Gesprächspartnern zu folgen. Mal stimmt sie zu, Franois-Marie Banier als Universalerben einzusetzen, dann wieder zeigt sie sich darüber höchst verblüfft. In einem Fernsehgespräch mit dem staatlichen Sender France 3 beantwortete Liliane Bettencourt alle Fragen zögerlich und oftmals nach mehreren Rückfragen. Sie wirkte, als habe sie ein paar Sätze vorbereitet. „Meine Tochter soll sich um ihr eigenes Leben kümmern“, wiederholte sie mehrere Male. Bei Rückfragen musste sie passen.

          Ihre frühere Buchhalterin hat der Justiz anvertraut, dass Madame Bettencourt schon seit Jahren Spickzettel braucht, um eine Unterhaltung zu bestreiten. Die Witwe hat sich seit Dezember 2007 standhaft geweigert, sich gerichtsmedizinisch untersuchen zu lassen. Angeblich befürchtet sie, dass das ärztliche Gutachten von ihrer Tochter beeinflusst sein könnte. Um die Vermutungen über ihre Geschäftsunfähigkeit zu zerstreuen, hat Liliane Bettencourt angekündigt, dass unabhängige Prüfer ihr Vermögensmanagement unter die Lupe nehmen sollen. „Dieses Audit wird zeigen, dass ich vollkommen in der Lage bin, die Geschäfte der Familie zu führen“, teilte sie mit.

          Liliane Bettencourt hält die Stimm- und Dividendenrechte des von ihrem Vater Eugène Schueller gegründeten Kosmetikimperiums. Eugène Schueller, dessen Familie aus dem Elsass stammt, wuchs in einem verarmten Bäckerhaushalt in Paris auf. Weil sein Vater die feine katholische Privatschule Sainte-Croix de Neuilly mit Backwaren belieferte, durfte Sohn Eugène dort die Schule besuchen. An das erfolgreiche Baccalauréat schloss sich ein Chemiestudium an der Sorbonne an. Noch während seines Studiums erfand Schueller eine Haarfärbetinktur. 1909 gründete er die Firma, aus der L’Oréal hervorgehen sollte. Als Schueller im August 1957 starb, erbte seine einzige Tochter Liliane die Firma, die zum Marktführer in der Kosmetikbranche angewachsen war.

          Sogar Staatspräsident Sarkozy sorgt sich um den Konzern

          Liliane hatte 1950 mit väterlichem Segen André Bettencourt geheiratet. Aus Furcht vor einem Wahlsieg der Linken in Frankreich ließ das Ehepaar Bettencourt 1974 den Schweizer Konzern Nestlé 29,8 Prozent der Anteile an L’Oréal erwerben. Der Aktionärspakt sollte das Kosmetikunternehmen vor einer drohenden Verstaatlichung bewahren. Als 1981 die Linke unter Franois Mitterrand die Macht eroberte, wurde L’Oréal fürsorglich behandelt. Schließlich kannten sich André Bettencourt und Mitterrand aus Schulzeiten, sie hatten das gleiche katholische Internat in Paris besucht. Auch während der deutschen Besatzung standen sich Mitterrand und der dem nationalsozialistischen Gedankengut gewogene Bettencourt näher, als es beide später wahrhaben wollten. Der Aktionärspakt mit Nestlé wurde im April 2009 abermals verlängert. Zu Lebzeiten Liliane Bettencourts darf Nestlé den L’Oréal-Anteil nicht aufstocken. Die Familie und Nestlé haben aber fortan das Recht, ihre Aktienpakete zu Geld zu machen. Ihrer Tochter Françoise Bettencourt-Meyers hatte Liliane Bettencourt bereits 1992 die nackten Eigentumsrechte des Aktienpakets übertragen. Ihre Enkelsöhne Jean-Victor und Nicolas Meyers sind zu jeweils 15,8 Prozent an der Familienholding Téthys beteiligt.

          Der Vermögensverwalter von Liliane Bettencourt, Patrice de Maistre, verbreitet seit geraumer Zeit das Gerücht, Françoise Bettencourt-Meyers wolle die volle Verfügungsgewalt über die L’Oréal-Anteile, um sich ihrer so schnell wie möglich zu entledigen. Die Aussicht, L’Oréal könne in Schweizer Hände fallen, sorgt sogar Staatspräsident Sarkozy. In seinem jüngsten Fernsehgespräch sprach er davon, dass er verhindern wolle, dass der Konzern aus Frankreich abwandere.

          Auch der Schwiegersohn hat einen schlechten Ruf

          Doch schon lange ist L’Oréal, das im vorigen Jahr mehr als 18 Milliarden Euro umsetzte und 2,6 Milliarden Gewinn vor Steuern auswies, ein globalisiertes Unternehmen mit 64.600 Angestellten in 130 Ländern. Zum Kosmetikimperium, das mit Werbeträgerinnen wie Andie MacDowell, Diane Kruger, Penelope Cruz oder Beyoncé identifiziert wird, gehören 23 Marken, darunter Body Shop, Lancôme, Garnier und Biotherm. Françoise Bettencourt-Meyers bestritt in einem Gespräch mit „Elle“, sie wolle ihre Anteile verkaufen. „Ich hänge mit meinem Herzblut an dem Unternehmen“, sagte sie. Ihr Mann Jean-Pierre Meyers, 62 Jahre, sitzt seit 1987 im Aufsichtsrat von L’Oréal, seine Frau Françoise erst seit 1997. Der gelernte Banker, dessen Vater schon bei L’Oréal arbeitete, hat einen schlechten Ruf, seit er auch bei Nestlé im Verwaltungsrat sitzt. Mal wird der Schwiegersohn verdächtigt, die L’Oréal-Führung an sich reißen zu wollen. Mal wird verbreitet, er wolle das ganze Unternehmen Nestlé einverleiben.

          Allein das Gerücht, Meyers wolle den langjährigen L’Oréal-Manager Lindsay Owen-Jones loswerden, führte dazu, dass dessen Mandat an der Spitze des Aufsichtsrats 2009 verlängert wurde – obwohl der Posten eigentlich dem Präsident-Generaldirektor (PDG), Jean-Paul Agon, zustand. Als Françoise Bettencourt 1984 in die jüdische Familie Meyer einheiratete – der Großvater ihres Ehemanns war Rabbiner – tratschte ganz Neuilly über diese Mésalliance. Doch André Bettencourt hat stets heftig dem Eindruck widersprochen, er verstehe sich mit seinem Schwiegersohn nicht.

          Jedes Abendessen mit einem Bargeldumschlag beendet

          Eine verheerende Wirkung hat die Bettencourt-Affäre auf der politischen Bühne entfaltet. Sarkozys Führungsriege steht unter Generalverdacht, seit das Ehepaar Bettencourt von Buchhalterin und Butler als spendable Gastgeber porträtiert wurden, die jedes Abendessen mit einem Bargeldumschlag für den Gast beendeten. Eric Woerth steht als Schatzmeister der Präsidentenpartei UMP im Kreuzfeuer der Verdächtigungen. Dass Woerth als Haushaltsminister von Juni 2007 bis März dieses Jahres mit besonderem Wohlwollen die Steuererklärungen der reichsten Frau Frankreichs prüfen ließ, glaubt inzwischen fast jeder Franzose. Dass er seiner Frau Florence Woerth einen hochbezahlten Posten in der Vermögensverwaltungsgesellschaft der L’Oréal-Erbin vermittelte, vergrößert sein Glaubwürdigkeitsproblem weiter.

          Unterdessen ziehen die gerichtlichen Voruntersuchungen in der Affäre um die Milliardärin immer weitere Kreise. In der kommenden Woche soll nach französischen Medienberichten nun auch Liliane Bettencourt selbst verhört werden. Auch Arbeitsminister Eric Woerth soll in den nächsten Tagen von der Polizei vernommen werden. Auf dem Minister lastet auch der Verdacht, illegale Spenden erhalten zu haben, um den
          Präsidentschaftswahlkampf von Nicoals Sarkozy zu finanzieren. Präsident Sarkozy hat einen Rücktritt Eric Woerths aus der Regierungsverantwortung abgelehnt. Woerth selbst hat gesagt, mit seinem Rücktritt als Minister würde er jenen recht geben, die ihn seit Wochen „verleumden“.

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