https://www.faz.net/-gqe-7h3ii

Liberalismus : Deshalb sind Liberale nicht mehr links

Für bestimmte gesellschaftliche Milieus sind Liberale nur schwer tolerierbar Bild: dpa

Warum sind Liberale heute nicht mehr links? Warum hasst die Linke den (Neo-)Liberalismus so sehr? Alles hat angefangen mit dem Jahr 1973.

          10 Min.

          Liberale, schlimmer noch „Neoliberale“, gelten hierzulande als kalt, materialistisch und unsozial: Effizienz geht ihnen vor Gleichheit, Wettbewerb vor Gerechtigkeit. Lieber gesellen sie sich zu den Erfolgreichen, als dass sie Mitleid empfänden mit den Verlierern. Sie singen das Lied der Globalisierungsgewinner und ignorieren den Schmerz der Globalisierungsverlierer. Liberale, in der öffentlichen Wahrnehmung, sind im Zweifel „rechts“. Das macht sie für bestimmte gesellschaftliche Milieus - vor allem für deutsche Intellektuelle - nur schwer tolerierbar.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Tatsächlich haben viele Liberale, knurrend und miesepetrig, sich diese intellektuelle Platzanweisung gefallen lassen. Voller Resignation, wenn überhaupt, schenken sie das moralische Argument den Gegnern und geben sich mit der ihnen zugewiesenen Rolle als materialistische Sachwalter von Wachstum und Wohlstand zufrieden. Die einen kümmern sich eben um Effizienz, die anderen um Gerechtigkeit.

          Das war nicht immer so. Karl-Hermann Flach (1929 bis 1973), ein intellektueller Liberaler in den Aufbruchsjahren der Bundesrepublik, hatte erkannt, dass ein Liberalismus, der sich auf seinen Lorbeeren ausruht, sich selbst nicht nur dementiert, sondern auch halbiert hätte. Ein solcher Liberalismus wäre nicht mehr als „eine Konserve, deren Inhalt zwar steril geworden ist, der aber immer noch ausreicht, wohlerworbene Rechte und heilige Besitzprivilegien bestimmter Schichten mit dem Aroma übergeordneter Ideale zu würzen“. Flachs Leben pendelte zwischen Journalismus und Politik - erst war er Journalist, dann Bundesgeschäftsführer der FDP, dann stellvertretender Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“, schließlich FDP-Generalsekretär unter Kanzler Willy Brandt. So etwas kommt heute nicht mehr vor. Damals schon; Ralf Dahrendorf hat es ähnlich angestellt.

          Beide, Dahrendorf und Flach, waren der Meinung, dass es für Liberale keinen Trade-off geben dürfe zwischen Effizienz und sozialer Gerechtigkeit und keine Zwangslogik zwischen wachsendem Wohlstand und steigender Ungleichheit. Was soll daran „rechts“ sein, wenn Liberale ökonomische oder politische Privilegien der Mächtigen bekämpfen und darauf insistieren, dass „pro Markt“ nicht identisch ist mit „pro Business“ und dass vor dem Wettbewerb alle gleich sind? „Why the Left should learn to love liberalism“ lautet ein berühmter Aufsatztitel des Harvard-Ökonomen Alberto Alesina. Das hätte auch von Karl- Hermann Flach stammen können; bei den Linken hat er gerne für die Freiheit geworben, insbesondere mit den „Freiburger Thesen“ der FDP von 1971. Liberal zu sein und gleichzeitig links, damals war das noch kein Selbstwiderspruch.

          1973, das Todesjahr Flachs, markiert die „große Zäsur“ (Knut Borchardt) der Nachkriegsgeschichte, nicht nur der Nachkriegswirtschaftsgeschichte. Dass der Liberalismus hierzulande bei den Linken immer weniger salonfähig wurde, hat viel mit dieser Zäsur zu tun. Kein Liberaler mehr hat den Linken zugerufen, dass es gute Gründe gebe, den Liberalismus zu lieben. Kaum ein Linker hat mehr nach solchen Gründen gesucht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kompatibel oder zu verschieden? Grünen- und FDP-Wahlplakate werden in Köln abgehängt.

          Koalitions-Vorsondierungen : So können Grüne und FDP regieren

          Die FDP ist für freie Fahrt auf Autobahnen, gegen Steuererhöhungen und für eine Beibehaltung des Krankenversicherungssystems. Die Grünen vertreten das Gegenteil. Was steckt hinter der Phantasie für ein „progressives Bündnis“?
          Rot, Gelb und Grün in Berlin – die Ampel scheint die beliebteste Koalition zu sein.

          Liveblog Bundestagswahl : Mehrheit laut Umfrage für Ampelkoalition

          Erste Rücktrittsforderungen an Laschet +++ Union bereit für Jamaika +++ Habeck und Baerbock wollen Verhandlungen gemeinsam führen +++ CDU-Generalsekretär verspricht „brutal offene“ Wahlanalyse +++ Alle Entwicklungen zur Bundestagswahl im Liveblog.
          Armin Laschet und CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak am Montag in Berlin

          Laschet und die Union : Der Kandidat, der enttäuschte

          Nach dem enttäuschenden Wahlergebnis muss der CDU-Vorsitzende Armin Laschet die Parteifreunde besänftigen. Vom zweiten Platz aus versucht die Union, eine Regierungsperspektive zu behalten.
          Jörg Meuthen, Tino Chrupalla und Alice Weidel am Montag in Berlin

          AfD in Ostdeutschland : Blau blüht das Kernland

          Die AfD wird in Sachsen und Thüringen stärkste Kraft, obwohl sie im Vergleich zur Wahl von 2017 teilweise Stimmenanteile verliert. Was folgt daraus für die Partei? In Berlin zofft sich die Führung auf offener Bühne.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.