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F.A.Z. Exklusiv : Zeitarbeit sorgt sich um Tausende Arbeitsplätze

Protestaktion bei Mercedes: Für eine bessere Behandlung der Leiharbeitnehmer. Bild: dpa

Personalverleiher erwarten kaum noch Wachstum. Schuld an der schwierigen Geschäftslage sei vor allem ein neues Gesetz. Lässt sich noch ein wichtiger Punkt ändern?

          3 Min.

          Die besten Jahre für die Zeitarbeitsbranche in Deutschland mit zweistelligen Wachstumsraten scheinen endgültig vorbei. In einer aktuellen Umfrage durch die Marktforschungsgesellschaft Lünendonk rechnen die 25 größten Anbieter für Leiharbeit im laufenden Jahr nur noch mit einem Marktwachstum von 2,9 Prozent. Im vergangenen Jahr legte die Branche noch um 6,4 Prozent auf knapp 30 Milliarden Euro zu. Die Zahl der Leiharbeiter stieg um 3,5 Prozent auf rund 930.000, wie aus der Studie hervorgeht, die der F.A.Z. exklusiv vorliegt.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Ein wichtiger Grund für die Skepsis der befragten Unternehmen sind die Regulierungspläne von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD). Diese mussten auch auf Druck der Bundeskanzlerin schon mehrfach nachgebessert werden, bevor sie überhaupt ins Kabinett kamen. Dies soll nun an diesem Mittwoch geschehen. Zuletzt hatten die höchsten Vertreter der Koalitionsparteien Nahles eine Liste mit Änderungen auf den Weg gegeben.

          An der Kritik aus der Branche ändert das jedoch wenig. „Das ist ein überflüssiges Gesetz, das viel Geld kosten wird“, sagt Jan Ole Schneider, Finanzvorstand des deutschen Marktführers Randstad, gegenüber der F.A.Z. „Weder die Kunden noch unsere Betriebsräte finden das gut.“ Klaus Eierhoff, Beirat und ehemaliger Geschäftsführer des mittelständischen Personaldienstleisters Tempton, findet: „Es hätte noch schlimmer kommen können, aber die Ungewissheit bleibt.“

          Eine Prozesslawine droht

          Die Unsicherheit der Unternehmen entspringt vor allem Nahles’ Vorgabe, dass Zeitarbeiter und Stammkräfte des Einsatzunternehmens nach neun Monaten gleich bezahlt werden müssen. Aber bis heute sieht das Gesetz keine Definition vor, welche Bestandteile das umfasst: nur das Grundgehalt oder ist die komplette Vergütung gemeint? Dann müsste das Zeitarbeitsunternehmen bei der Bezahlung seiner Mitarbeiter vielleicht auch den Kantinen-, Dienstwagen- oder Kitazuschuss der vergleichbaren Stammbelegschaft des Kunden abbilden. Geklärt würde die Frage dann wohl vor Gericht, eine Prozesslawine droht.

          „Das System ist nicht zu Ende gedacht“, sagt Thomas Bäumer, Deutschland-Geschäftsführer des Adecco-Konzerns aus der Schweiz. „Die Arbeitnehmer werden auf keinen Fall die Gewinner sein“, prophezeit der Manager. Denn wenn die Rechtsunsicherheit so hoch bleibe, würden viele Zeitarbeitskonzerne und Kunden auf Nummer Sicher gehen und ihre Mitarbeiter vor Ablauf der neun Monate abziehen. Zwar sieht das Gesetz vor, mit tarifvertraglichen Modellen – die es schon gibt – vom Gesetz abzuweichen. Diese Tarifverträge gibt es aber nicht für alle Branchen, weil die Lohnlücke etwa im Gastgewerbe gar nicht existiert. Teilweise verdienen die Zeitarbeiter nach ihrem eigenen Tarifvertrag sogar mehr als die Beschäftigten des Kunden, bei dem sie eingesetzt werden. Bäumer schätzt, dass einige hunderttausend Arbeitnehmer ohne Branchentarifzuschlag betroffen sind.

          Wenn das Gesetz in den kommenden Wochen ausgearbeitet wird, will die Branche bei Nahles deshalb darauf dringen, dass den Tarifpartnern die Möglichkeit für eine Pauschalierung der Gleichbezahlung gegeben wird. Die IG Metall habe schon angedeutet, dass sie sich auf die Lösung „Stundenentgelt plus Zulagen“ einlassen würde, das sei akzeptabel. Damit wäre die hohe Rechtsunsicherheit ausgeräumt.

          Kleinteiliger Markt

          In jedem Fall stehen die Unternehmen vor einer Mammutaufgabe, wenn sie künftig die vergleichbaren Löhne der Kunden in ihren IT-Systemen abbilden müssen. „Die Konsolidierung der Branche könnte dadurch voranschreiten“, vermutet Lünendonk-Partner Hartmut Lüerßen. Schon die Verwaltung der Branchenzuschläge hätten die Anforderungen erhöht. „Kleine und mittelständische Anbieter können das nicht aus dem Ärmel schütteln“, sagt Lüerßen, räumt aber ein, dass der Markt immer noch sehr kleinteilig sei.

          An der Spitze stand auch im vergangenen Jahr der niederländische Randstad-Konzern, der auf einen Umsatz von knapp 2 Milliarden Euro in Deutschland kam. Wenn sich die gute Entwicklung des ersten Quartals fortsetzt, könnte die Marke von 2 Milliarden Euro im Jahresverlauf geknackt werden. Der weltgrößte Personaldienstleister Adecco aus der Schweiz hat mit 1,65 Milliarden Euro den zweiten Platz souverän behauptet. Auf Rang drei der Liste kehrte Manpower mit 775 Millionen Euro Jahresumsatz zurück. Allerdings haben die Amerikaner mit der Übernahme der 7S-Gruppe aus Jena im vergangenen Jahr ordentlich Umsatz hinzugekauft.

          Analyst Lüerßen betont, dass die Entwicklung der 25 größten Anbieter sehr unterschiedlich verlaufen sei: „Fünf Unternehmen mussten sogar Umsatzrückgänge verkraften.“ Dazu gehörte auch die VW-Tochtergesellschaft Autovision, der sechsgrößte Anbieter in Deutschland. Autovision verringerte die Zahl seiner Leiharbeiter um 900 auf 10300, und die Erlöse sanken um fast 60 auf 561 Millionen Euro. Die Ursachen dürften in der Dieselaffäre des Wolfsburger Autoherstellers liegen.

          Eine weitere Entwicklung, die das Wachstum der Branche bremst, sind zunehmende Engpässe an Personal. Gerade in Süddeutschland, wo vielerorts Vollbeschäftigung herrscht, sei es kaum noch möglich, qualifiziertes Personal zu finden, heißt es. Selbst Helfer seien mancherorts rar. Deshalb rekrutieren die Unternehmen verstärkt im Ausland, etwa in Polen oder Tschechien. „Die Anerkennung von Qualifikationen ist aber weiterhin ein großes Problem“, sagt Reiner Dilba, Geschäftsführer von Orizon. Trotz gesetzlicher Änderungen strecke sich das Verfahren oft in die Länge. Einer Branche, die den Bedarf der Wirtschaft an Flexibilität stillen muss, dauert es meist zu lange.

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