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Lehman-Insolvenz : Banker, helft euch selbst!

Krisenbedingte Lerneffekte

Der amerikanische Ökonom Robert Shiller hat diesen Vorgang einmal mit dem Untergang der „Titanic“ im Jahre 1912 verglichen. Die Tragödie war schrecklich, die meisten der 2.200 Passagiere des luxuriösen Riesenschiffs starben nach dem Zusammenstoß mit einem Eisberg in den kalten Fluten des Nordatlantiks. Zugleich aber gab das Ereignis dem Schiffsbau in Amerika einen Schub und war Anlass für erhebliche Verbesserungen in der Sicherheit des internationalen Seeverkehrs. Man begann beispielsweise mit der systematischen Luftbeobachtung von Eisbergen. Auch bei der Entwicklung des Echolots soll Erfinder Alexander Behm die Katastrophe im Hinterkopf gehabt haben.

Ähnliche krisenbedingte Lerneffekte lassen sich auch bei den Banken beobachten: Ohne Lehman hätte sich die internationale Staatengemeinschaft wohl nie zu internationalen Gipfeln über die Regulierung der Banken zusammengefunden. Oder zumindest nicht so schnell. Was schon vorher sinnvoll gewesen wäre, bekam durch Lehman den nötigen Druck.

Das könnte ein schönes letztes Kapitel sein für die leidvolle Geschichte der Lehman Brothers. Doch so einfach ist es in der Welt der Banken und ihrer Regulierer leider nie. Ob das, was in den Banken seither erreicht wurde, ausreicht, um einen neuen Fall Lehman ein für alle Mal auszuschließen - das ist fraglich. Zwar wurden neue Regeln für die Boni der Banker beschlossen.

Die Boni werden jetzt über längere Zeiträume gestreckt und dürfen bestimmte Anteile an der Gesamtvergütung nicht übersteigen. Auch die Bankenaufsicht wird stärker internationalisiert - damit sich die Bankenaufseher bei Katastrophen nicht mehr rausreden können, sie wären für ausländische Tochtergesellschaften nicht zuständig gewesen. Außerdem sollen die Banken künftig mehr Eigenkapital halten müssen als früher. Das soll ihr Geschäft sicherer machen.

Zumindest nach der Vorstellung der Ökonomen Anat Admati und Martin Hellwig, die dazu ein wegweisendes Buch verfasst haben, reicht das aber bei weitem nicht aus. Insbesondere die Vorschriften über das Eigenkapital der Banken seien immer noch viel zu lax. Sie schlagen vor, Banken müssten 20 bis 30 Prozent echtes Eigenkapital im Verhältnis zu ihrer gesamten Bilanzsumme halten - wie das im 19. Jahrhundert der Fall war. Heute sind es meistens etwas mehr als zwei, selten über drei Prozent.

Selbst Jörg Asmussen, der heute als Direktoriumsmitglied bei der Europäischen Zentralbank mit dafür zuständig ist, das Bankensystem stabiler zu machen, ist skeptisch, ob ein Ereignis wie Lehman heute günstiger ausginge: „Wenn der Markt weiß, was er erwarten muss, wenn es feste Abläufe gibt, dann ist es hoffentlich nicht mehr so dramatisch, eine große Bank vom Markt zu nehmen“, sagt er. „Letztgültig wissen wir das allerdings nie.“

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