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Lehman-Insolvenz : Banker, helft euch selbst!

Das Dilemma der impliziten Staatssubvention

Auch wissenschaftliche Studien zeigen, dass vor Lehman die feste Annahme, dass große Banken immer vom Staat gerettet werden, den jeweiligen Instituten zu einem Aufschlag auf den Aktienkurs und zu einer unangemessen hohen Kreditwürdigkeit verhalf. Mit fatalen Folgen: Sie konnten höhere Risiken eingehen - und taten das auch munter. Die Schätzungen zur Höhe dieser sogenannten impliziten Staatssubvention variieren. In einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung wird ein Kostenvorteil für systemrelevante Banken von 60 Basispunkten (0,6 Prozentpunkte) pro Jahr vor der Finanzkrise als eher konservative Richtgröße genannt.

Auf Basis der Daten von 2002 bis 2007 lasse sich ermitteln, dass die weltweit größten Banken somit implizite Staatssubventionen im Wert von etwa 70 Milliarden Dollar pro Jahr beanspruchen konnten. Das entspricht etwa der Hälfte der durchschnittlichen Vorsteuergewinne dieser Banken im selben Zeitraum. Bis zur Lehman-Pleite gab es immer wieder die Erfahrung, dass dieses Kalkül aufging. Zuerst retteten die Amerikaner im März 2008 die Investmentbank Bear Stearns. Im Juli die Hypotheken-Institute Fannie Mae und Freddie Mac.

„Wenn die amerikanische Regierung auch noch Lehman gerettet hätte, mit ihrem verrückten Chef Richard Fuld, dann hätten alle gewusst, die retten wirklich jeden“, meint Homburg. Bankchef Fuld, 67, genannt „der Gorilla“ (nicht nur wegen des ausgestopften Affen in seinem Büro), hatte sich lange gegen Hilfen für Lehman und jede Form der Übernahme gewehrt. Er war deshalb zu den Gesprächen über eine Rettung der Bank von Finanzminister Hank Paulson am Wochenende vor dem 15. September 2008 in den Räumen der New Yorker Fed gar nicht erst eingeladen worden.

Neuordnung des Weltfinanzsystems

Ganz so einfach, wie Homburg insinuiert, ist es allerdings nicht mit der Lehman-Pleite. Denn kurzfristig haben die „zitternden Hände“ des Staates das Gegenteil dessen bewirkt, was Ökonomen wie Homburg sich gewünscht hätten. Statt nur die Banken zu erschrecken, schreckten sie auch die Politik. Und machten die Pleite einer Bank in den kommenden Monaten erst einmal unmöglich. „Dann droht ein zweites Lehman“, warnten die Banken fortan, wann immer eine staatliche Entscheidung ihnen große Nachteile zu bescheren drohte. Lehman wurde so zu einem Begriff, mit dem die Banken die Staaten in Geiselhaft nahmen.

Doch das war nur die erste Reaktion. Heute, fünf Jahre später, funktioniert diese Erpressung schon weniger gut, wie das Beispiel Zypern zeigt. Außerdem wird offenbar, dass noch etwas geschehen ist. Lehman war nicht nur Katastrophe. Lehman war auch Anlass, über eine Neuordnung des Weltfinanzsystems und der Bankenregulierung nachzudenken. Damit war Lehman der Schaden, aus dem man - hoffentlich - klüger wird. Selbst Kritiker der Pleite wie Jörg Asmussen sagen: „Hätte man Lehman gerettet, wäre die Bankenregulierung heute sicher nicht schärfer als 2008.“ In diesem Sinne habe Lehman auch etwas Gutes gehabt.

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