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Lehman-Insolvenz : Banker, helft euch selbst!

Ein zweiter Grund, Lehman nicht so dramatisch zu sehen, wie es viele heute tun, ist, dass die Pleite ja nicht der Grund für die Krise war, sondern bloß ein Element,das sie verschärft hat. Der Münchener Ökonom Hans-Werner Sinn sagt: „Der Jahrhundertfehler war die Deregulierung der Banken, nicht der Lehman-Konkurs.“ Lehman sei eine Art „Sollbruchstelle“ gewesen - „von der Sorte gab es viele“. Wenn sich die Finanzkrise nicht durch die Lehman-Pleite einen Weg gebahnt hätte, dann auf andere Weise. Die Politik habe den Banken das Zocken erlaubt, das sei der Fehler gewesen. Nicht die Entscheidung später, eine Bank, die sich verzockt hatte, fallenzulassen.

Die Auswirkungen der Lehman-Pleite

Selbst wenn man grundlegende moralische und ökonomische Überlegungen außer Acht lässt, kann man die Entscheidung zur Lehman-Pleite für richtig halten. Aus ganz praktischen Gründen. So wie Jean-Claude Trichet. „Ich halte es nicht für einen Fehler des amerikanischen Finanzministeriums, dass sie Lehman nicht gerettet haben“, sagt er. „Man kann solch ein Problem nicht mit einer Folge von Rettungen beseitigen.“ Wenn eine Bank nach der anderen in Schwierigkeiten gerät, dann muss man sich irgendwann entscheiden: Entweder man rettet das ganze System, oder man lässt auch einmal eine Bank scheitern.

Die erste Möglichkeit aber - das ganze System retten - sei vor Lehman keine Option gewesen, glaubt Trichet: „Die Leute hätten es nicht akzeptiert.“ Sein Beweis dafür: Selbst nach dem Zusammenbruch von Lehman wurde der erste Bankenrettungsfonds TARP der Amerikaner vom Kongress abgelehnt. „TARP wurde erst angenommen, nachdem der Dow Jones wie ein Stein gefallen war.“ Also nachdem Lehman seine ganze Wirkung gezeigt hatte.

Wahrscheinlich stimmt es sogar, dass die Lehman-Pleite aus politischen Gründen notwendig war. Das beste Argument bleibt allerdings das der notwendigen Konsequenz - das des moralischen Risikos. Doch nur wenige trauen sich heute noch, es mit Bezug auf Lehman auszusprechen. Einer von ihnen ist Stefan Homburg, Finanzprofessor in Hannover und eher ein Querdenker unter den Ökonomen.

„Das ist die historische Bedeutung von Lehman“

Schon direkt nach der Lehman-Pleite sagte er im Interview, es sei die „einzig richtige Entscheidung“ gewesen, die Bank fallenzulassen - ein „Beispiel für geglückte Politik“. Jetzt, fünf Jahre später, sieht er keinen Grund, seine Position zu revidieren. Niemand, der leichtsinnige Geschäfte mache, dürfe sich darauf verlassen können, immer vom Staat gerettet zu werden. Wenn man schon Banken retten muss, so Homburg, dann mit einer Politik der „trembling hands“, der „zitternden Hände“: Wenn der Staat mal rettet und mal nicht, dann könnten Banken zumindest nicht risikolos darauf spekulieren, dass sie aufgefangen würden - und würden vorsichtiger.

Dreimal in der gesamten Retterei der vergangenen fünf Jahre haben die Staaten genau das gemacht und sich unberechenbar gezeigt: Als Amerika Lehman fallenließ. Als Europas Staaten einen Schuldenschnitt für Griechenlands Gläubiger beschlossen haben. Und als in Zypern die Sparer mit herangezogen wurden, um das Bankensystem zu retten. In jedem dieser Fälle haben sich alle verrechnet, die fest mit einer Rettung auf Kosten der Steuerzahler kalkulierten: Banken, Aktionäre, Gläubiger. Homburg ist sich sicher: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren - das sei seither kein todsicheres Geschäft mehr. „Das ist die historische Bedeutung von Lehman.“

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