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Lehman-Insolvenz : Banker, helft euch selbst!

Unter diesen Umständen wurde die Insolvenz von Lehman viel positiver gesehen als heute. Der damalige EZB-Präsident Jean-Claude Trichet erinnert sich: „Das Erste, was die amerikanischen Behörden an diesem Montag sagten, war: ,Das ist gut, diese Bank war schlecht gemanagt‘.“ Es gab in Amerika die „Anfangsdiagnose, der zufolge der Lehman-Bankrott keine bedeutenden Konsequenzen haben würde“. Und es habe „ein paar halbe Tage“ gedauert, bis allen klar wurde: „Wir mussten den Geisteszustand wechseln. Die Frage war nun: Wie stoppen wir den Finanz-Tsunami?“

Tatsächlich waren die Folgen der Insolvenz dramatischer, als es sich jeglicher Notenbanker, Ökonom, Politiker, Banker, Untergangsprophet ausgemalt hatte. Der Dow Jones verlor innerhalb eines halben Jahres 43 Prozent an Wert, der Dax 41 Prozent. Die Wirtschaft brach in Deutschland kurzzeitig um 6,4 Prozent ein, in Amerika um drei Prozent. So unterschiedliche Institute wie Fortis, Hypo Real Estate, AIG und die Commerzbank brauchten Staatsgeld. So etwas hatte es seit der Weltwirtschaftskrise 1929 nicht mehr gegeben.

Irgendwann muss es Konsequenzen geben

Schuld war etwas, das auf den Finanzmärkten verlorengegangen war: Vertrauen. Vor Lehman galt: „Die Eintrittswahrscheinlichkeit für die Insolvenz einer internationalen Großbank war null“, sagt Asmussen. „Kein Krisenplan sah so etwas vor.“ Nach Lehman war das Gegenteil der Fall. Banken und bald auch alle anderen Firmen verloren das Vertrauen in jeglichen Geschäftspartner. Wenn Lehman zusammenbrechen könne, dann könne jeder zusammenbrechen, dachten sie, stornierten Geschäfte und horteten Cash. „Dieses Phänomen war die Krise“, sagt Trichet.

Der Zustand der Weltwirtschaft war einschüchternd. Und manche, die Lehman zunächst positiv gesehen hatten, änderten ihre Meinung. Sie fragten: Hätte man Lehman gerettet, wäre es für die Welt dann nicht billiger geworden? Seither lautet die entscheidende, unbeantwortete Frage zum 15. September: War es falsch, Lehman fallenzulassen? Es gibt gute Gründe, sie mit Nein zu beantworten.

Lagebesprechung vier Tage vor der Insolvenz

Der wichtigste Grund ist eine Lehre, die jeder Vater und jede Mutter kennt: Irgendwann muss es Konsequenzen geben. Man kann nicht immer nur warnen, dass die Gute-Nacht-Geschichte ausfällt, wenn die Tochter ihren kleinen Bruder ärgert. Irgendwann muss die Geschichte auch einmal ausfallen. Sonst weiß das Kind schnell, dass sein schlechtes Verhalten keine Folgen hat - und ändert nichts. Genauso kann man eine Bankbranche, die viel zu hohe Risiken eingegangen ist und deswegen das Vertrauen verliert, nicht immer nur ermahnen und ihr mit Insolvenz drohen - und dann doch mit Milliarden aushelfen.

Lehman war nicht der Grund für die Krise

Irgendwann muss die Insolvenz auch stattfinden. Sonst lernen die Banken nichts. Die Ökonomen nennen das „Moral Hazard“ oder „moralisches Risiko“. Das Problem bei den Banken ist, dass eine Insolvenz - ganz im Gegensatz zur ausgefallenen Gute-Nacht-Geschichte - immer so hohe Kosten hat. Trotzdem ist es der größte Fehlschluss, den man aus der Finanzkrise ziehen kann, wenn man sagt: Es darf nie wieder eine große Bank pleitegehen. Vielmehr sollte man schließen: Künftig müssen auch große Banken pleitegehen können. Denn sonst züchtet man sich über kurz oder lang eine Branche, die immer krisenanfälliger wird, weil sie das Interesse an angemessenem Risiko völlig verliert. Schließlich muss sie im Zweifel für Verluste nicht selbst haften.

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