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Lebensmittelkrise : Steigen die Preise, wird mehr geerntet

Die Hausbesitzer sind geflüchtet Bild: Claus Tigges

Plötzlich ist der Hunger wieder da. In armen Ländern gibt es Unruhen, in reichen Ländern Klagen über hohe Lebensmittelpreise. Was ist passiert? Kann die Erde noch viel mehr Menschen ernähren?

          Die Schuldigen für die Lebensmittelkrise haben einige schnell gefunden, als sich das Europaparlament in dieser Woche mit dem Thema beschäftigte. Die „Kasino-Kapitalisten“ hätten die Lebensmittelpreise in die Höhe getrieben, polterte der Vorsitzende der sozialistischen Fraktion, Martin Schulz (SPD): „Es ist schockierend, wenn Banken ihren Kunden jetzt sagen, sie sollten auf die Entwicklung der Agrarmärkte zu wetten.“

          Hendrik Kafsack

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Die Grünen klagten über den Biokraftstoffausbau. Tank oder Teller, das sei die Frage. Nur von einer grundlegenden Reform der Agrarpolitik in Europa sprach niemand. In Berlin wettert Agrarminister Horst Seehofer (CSU) gegen die Supermärkte, die die Preise für Milchbauern drücken. Zuvor hatte derselbe Seehofer als Verbraucherminister über steigende Milchpreise geklagt und höhere Sätze für Hartz IV verlangt. Seehofer fordert auch mehr Nutzflächen für die Bauern, obwohl die ist von der EU längst beschlossen ist. Zudem warnt er vor Subventionskürzungen, steigende Preise hin, höhere Einnahmen der deutschen Bauern her. Da wagt man kaum noch zu fragen, ob vielleicht auch die Förderpolitik des ebenso großen wie undurchsichtigen EU-Agrarmarkts ein Grund für die Krise sein könnte?

          Unruhen wegen zu hoher Lebensmittelpreise

          In drei dutzend Ländern der Welt hat es nach Angaben der Weltbank bisher Unruhen wegen zu hoher Lebensmittelpreise gegeben. Schon Anfang 2007 gingen die Mexikaner auf die Straße, als sich der Preis für Maismehl, die Basis für die Tortillaherstellung, innerhalb weniger Wochen verdoppelte. Die Tortilla-Krise endete erst als die Regierung einen Höchstpreis festlegte. Doch die Proteste gingen anderswo weiter. In Ägypten etwa oder Indonesien. Zuletzt protestierten die Menschen in Haiti Anfang des Monats gewaltsam gegen die hohen Preise.

          Der Anstieg ist in der Tat beachtlich: Nach drei Jahrzehnten niedriger Preise werden Soja, Weizen und Mais nun schon seit drei Jahren teurer. Im Durchschnitt stiegen die Preise in den vergangenen neun Monaten um 45 Prozent. Weizen war Anfang 2008 ungefähr 80 Prozent teurer als im Vorjahr, Reis 16 Prozent. Nach dem Jahreswechsel schossen die Preise dann geradezu nach oben. Von einem „stillen Tsunami“ spricht angesichts dieser Preiswelle und der Folgen für die Entwicklungsländer Josette Sheeran von den Vereinten Nationen. Finanzminister Peter Steinbrück (SPD) warnt vor einem „Ungeheuer, das die politische Bühne betreten hat“. Selbst in den reicheren Staaten wächst die Angst vor steigenden Preisen und Lebensmittelknappheit. In den Vereinigten Staaten rationierten sogar Supermärkte nach Hamsterkäufen den Reisverkauf. Auch in Deutschland wird beklagt , dass alles teurer wird. Dabei geben Deutsche nur elf Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus, so wenig wie in kaum einem anderen Land Europas.

          Schlechte Ernten, hohe Nachfrage

          Für die gestiegenen Lebensmittelpreise gibt es mehr als nur einen Grund. Zum einen fielen die Ernten in den vergangenen zwei Jahren in mehreren Ländern schlecht aus. So litt Australien, einer der größten Weizenexporteure der Welt, 2006 und 2007 unter Trockenheit. Die Ernte sank von 25 Millionen Weizen auf 13 Millionen Tonnen. Auch die EU hat zwei Jahre schlechter Ernten hinter sich. Die deutsche Getreideernte lag im Jahr 2007 mit 40 Millionen Tonnen knapp 9 Prozent unter dem schon schwachen Vorjahr. In der EU ernteten die Bauern 265 Millionen Tonnen, 10 Millionen weniger als erwartet. Die Lager der EU waren seit langem nicht so leer wie in diesen Tagen. Lagerte die EU 2006 noch 14 Millionen Tonnen Getreide, sind es nun noch 125 000 Tonnen.

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