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Wachsender Welthunger : Der Wettlauf der Landwirtschaft

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Neben dem Verbrauch ist es für eine Antwort auf die Frage nach der Nachhaltigkeit der Welternährung wichtig, wie viel Phosphor es auf der Welt überhaupt noch gibt. Lang war diesbezüglich von Reserven die Rede, die nur noch wenige Jahrzehnte halten. Aber wie mit vielen Rohstoffen - etwa Öl, Gas - haben sich die Förderprognosen stets erhöht, weil neue Vorkommen entdeckt wurden oder neue Fördertechniken eingesetzt werden. Glaubten staatliche Forschungsstellen wie die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe und ihr amerikanisches Pendant, das US Geological Survey, noch im Jahr 2005, die statische Reichweite von Phosphat betrage 115 Jahre, so ging man dort im Jahr 2010 schon von einer Reichweite von 370 Jahren aus. Statische Reichweite heißt, dass die Reserven so lange hielten, wenn der Verbrauch so groß bliebe wie heute.

Stickstoff gibt es prinzipiell unendlich viel. Es kostet nur viel Energie, ihn „industriell“ aus der Luft zu extrahieren; Ökobauern nutzen Kleepflanzen als Zwischenfrüchte, die ihn quasi aus der Luft saugen. Es ist wichtig, dass Landwirtschaft sparsamer mit Stickstoff umgeht. Die Zahlen der OECD stimmen optimistisch. Die Stickstoffbilanz je Hektar Ackerfläche halbierte sich fast von 138 auf 75 Kilogramm.

Der Pestizideinsatz ging zurück

Deutsche Landwirte sind der Statistik zufolge viel sparsamer als amerikanische. Als ein Grund gilt, dass die Stoffkreisläufe etwa wegen des Aufschwungs der Bioenergie besser schließen. Über Gülle, Jauche, Mist oder nunmehr Gärreste aus Biogasanlagen kommen Nährststoffe wieder zurück aufs Feld, statt ungenutzt zu versickern. Bund und Länder fördern derzeit auch mehrere Pilotprojekte zur Rückgewinnung gerade von Phosphor, etwa aus Klärschlamm und dem Abwasser. Auch die „immer strengeren Umweltschutzauflagen“ hätten zum Fortschritt beigetragen, heißt es in der OECD-Studie.

Zwar trägt die Landwirtschaft nur noch einen geringen Teil zum Bruttoinlandsprodukt bei. Im OECD-Durchschnitt sind dies rund 2,6 Prozent. Jedoch ist sie von hoher gesellschaftspolitischer Relevanz. Warum, zeigen die Zahlen: Im OECD-Schnitt wird gut ein Drittel der Landflächen landwirtschaftlich genutzt; und auf den Agrarsektor entfallen 44 Prozent der Wassernutzung.

Auch der viel kritisierte Pestizideinsatz, der Pflanzen vor Insektenfraß oder Pilzbefall schützt und so die Ernten erhöht, ging insgesamt zurück. In manchen Staaten wie Frankreich ging er um rund ein Drittel deutlich zurück, in Deutschland, den Vereinigten Staaten, Japan oder den Niederlanden bleib er etwa auf gleichem Niveau.

Es gibt noch Hoffnungswerte

Erfreulich lesen sich die Energiebilanzen. Die Lebensmittelerzeugung benötigt heute deutlich weniger Energie als früher. Seit den Neunzigerjahren zeigen die Daten eine Wende. Traktoren und der Betrieb von Gewächshäusern oder Bewässerungsanlagen benötigten in Deutschland zuletzt nur noch rund ein Drittel der Energie, die sie 1990 „fraßen“. In den Vereinigten Staaten sparten die Landwirte weniger Energie: dort stieg der Verbrauch sogar. Während dort auf die Landwirtschaft 1,1 Prozent des gesamten Energieverbrauchs entfallen, sind es in Deutschland rund 0,4 Prozent. Auch die agrarisch verursachten Treibhausgasemissionen gingen OECD-weit um ein gutes Fünftel zurück.

Dabei erhöhten sich die Ernten. Die agrarische Produktion stieg aber nur noch leicht bei zurückgehender landwirtschaftlicher Nutzfläche. Das Erntewachstum war in der vergangenen Dekade geringer als zuvor, was Experten mit Blick auf die Welternährungsfrage skeptisch macht. Aber diesbezüglich gibt es noch andere Hoffnungswerte, als die Ressourceneffizienz. Nicht nur ein sparsamerer Einsatz von Ressourcen kann Landwirtschaft nachhaltig machen. In der Vergangenheit war die Pflanzenzucht ein wichtiger Faktor. Auch, weil die Sorten viel ertragreicher sind, ernten die Landwirte heute rund vier Mal so viel Weizen auf einem Hektar Acker wie vor 100 Jahren. Konzerne wie Syngenta, Monsanto, Pioneer, KWS oder in Europa Dutzende unabhängige Saatgutzüchter arbeiten daran - in Amerika und Teilen Afrikas, Asiens und Südeuropas auch mit Hilfe gentechnisch veränderter Sorten.

Würden alle Ernte- und Transportverluste von Lebensmitteln durch moderne Lastwagen, Kühlhäuser und Straßen verhindert werden, müsste zumindest derzeit kein Mensch mehr hungern auf der Welt, rechnen die Vereinten Nationen vor. Aber das zu ändern, führt zu neuen Konflikten. „Die Ackerflächen könnten auf der Welt nur noch dann ausgeweitet werden, wenn große Verluste an Biodiversität und auch steigende CO2-Emmissionen in Kauf genommen würden“, schreiben die Wissenschaftler um Jonathan Foley. Denn bessere Transporte und die Nutzung abgelegener Äcker kosten wieder Diesel und Treibhausgasemissionen.

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