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Lebensmittel : Deutschland, Land der Veganer

  • -Aktualisiert am

Das schmeckt dem Veganer Bild: Röth, Frank

Kein Fleisch, keine Milch, keine Eier. Veganer definieren sich über das, was sie nicht essen. Trotzdem sind ihre Kochbücher Bestseller, ihre Supermärkte der letzte Schrei. Eine Expedition in eine Welt des Verzichts.

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          Es gibt Momente, da gehen die Veganer sogar den Veganern auf die Nerven. Attila Hildmann zum Beispiel: Der Mann ist 32 Jahre alt, Physik-Student und hat vegane Kochbücher geschrieben, die Bestseller sind. In der Veganer-Szene, wo man nicht nur kein Fleisch, sondern auch keine Eier und keine Milchprodukte isst, ist er ein Star. Er erzählt: „Es gibt Veganer, die alle Bilder von dir durchsuchen nach einem, auf dem du Lederschuhe trägst - und dann zum Boykott aufrufen, schließlich ist das Tierhaut.“ Noch schlimmer war es, als Hildmann in der Sendung von Stefan Raab war, der gelernter Metzger ist. „Da kamen Hass-Mails: Wie kannst du mit dem Mörder kochen?“, erzählt Hildmann.

          Solche Extremisten, wie gesagt, sind selbst Hildmann zu viel. Denn er will, dass Veganer nicht als dürre, blässliche Obermoralisten gesehen werden, die ständig über Tierrechte dozieren, sondern als fitte, gesunde, entspannte Menschen - mit Toleranz gegenüber denen, die nicht vegan essen. „Man darf nicht jeden bekehren wollen“, sagt Hildmann, der auf Fotos gerne mal ohne T-Shirt posiert, um seine Bauchmuskeln zu zeigen. Seine Botschaft lautet: Sieh her! Vegan macht fit, gesund und schön - und das gute Gewissen gibt es dazu.

          Mit dieser Haltung ist Hildmann in Deutschland einer der Anführer einer Bewegung geworden, die gerade die Großstädte und Szeneviertel erobert. Der Verzicht nicht nur auf Fleisch, sondern auf alle tierischen Produkte ist hip. Sojadrink statt Kuhmilch, Auberginen-Schiffchen statt Steak, Kürbispommes mit Avocado-Dip statt Pommes mit Ketchup. Das alles kommt nicht mehr nur daheim auf den Tisch. Dafür gibt es jetzt Restaurants, Cafés und sogar eine eigene Supermarktkette, rein vegan.

          Eine Menge Kleinstunternehmer versuchen sich in der Szene. Auch mittelgroße stürzen sich ins Geschäft mit Tofu, Ersatzkäse und Sojamilch. Es herrscht Goldgräberstimmung - was nicht überrascht, wenn man sieht, welch gepfefferte Preise die Pioniere verlangen können: 8,99 Euro für einen halben Liter Schokoladeneis, garantiert vegan; 6,19 Euro für vier Mini-Tofu-Burger. Die Leute kaufen.

          Die grüne Welle

          Attila Hildmanns zwei Kochbücher haben sich zusammen mehr als 300.000 Mal verkauft. Unter den Top 20 der meistverkauften Kochbücher auf Amazon sind sechs mit rein veganer Küche. In Berlin gibt es mittlerweile 21 vegane Restaurants. Vor fünf Jahren waren es erst drei. Das sichtbarste Symbol für die Mode ist die Supermarktkette „Veganz“, die jetzt nach Filialen in Berlin, Frankfurt und Hamburg auch nach München, Prag, Wien, Leipzig und Essen kommt.

          Erdacht wurde Veganz von Jan Bredack, 41 und Veganer, der sich hauptsächlich von Rohkost ernährt und nur im Stress auf Tofu-Burger ausweicht. Er war einst Manager bei Daimler, dann kam der Burn-out - und das Erweckungserlebnis zum Veganer. Im Juli 2011 eröffnete er seinen ersten Veganz-Laden in Berlin Prenzlauer Berg, schnell folgten drei weitere. Dass seine Idee so einschlägt, hätte er nicht gedacht. „Ständig sind die Trendscouts der großen Lebensmittelketten bei uns im Laden“, sagt er. Doch schnell hat er sich daran gewöhnt, dass sein Geschäft als heißester Neustart im Lebensmittelhandel gilt. Nun munkelt er von einem Großinvestor aus der Lebensmittelbranche, der bald bei ihm einsteigt. Und will in zwei Jahren 21 Läden in ganz Europa haben und 30 Millionen Euro Umsatz. 2013 sollen es erst einmal sechs Millionen Euro Umsatz sein bei vier Läden - und Verlust.

          An den strikten Veganern allein liegt das alles nicht. Sie sind viel zu wenige. „Rund 800 000 Menschen in Deutschland leben vegan, das sind nur ein Prozent der Bevölkerung“, sagt Sebastian Zösch, Geschäftsführer des Vegetarierbundes Deutschland und selbst seit acht Jahren Veganer. Zwar wächst die Zahl der Veganer deutlich schneller als die der Vegetarier. „Um zwanzig bis dreißig Prozent im Jahr“, schätzt Zösch. Doch das Geschäft beleben andere: die Teilzeit-Veganer.

          „Viele junge Leute haben heute ein Bewusstsein dafür, dass es gut ist, vegan zu essen“, sagt Bredack von Veganz. „Auch wenn sie nicht gleich strenge Veganer werden.“ Vier Kundengruppen sieht er in seinen Läden: ökologisch Bewusste, die etwas suchen, das besser als Bio ist; Kranke, die ihre Nahrung umstellen nach Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs-Diagnose; Allergiker, besonders diejenigen, die keine Kuhmilch vertragen; und Menschen, die sehr auf Gesundheit und gutes Aussehen achten.

          Letztere Gruppe scheint dem spontanen Besucher einer der Veganz-Filialen nicht die größte zu sein, finden sich doch hier eher Wollmützen- und Vollbartträger der unsportlicheren Art. Bis ein etwa 16 Jahre alter Typ den Verkäufer nach dem Regal mit veganen Proteinen für Kraftsportler fragt - und nebenher Attila Hildmanns Bauchmuskeln rühmt: „Ey, der ist echt voll krass mein Vorbild.“

          Das macht klar: Vegan ernähren sich heute nicht mehr bloß Tierschützer und Überzeugte. Für viele ist es eher so etwas wie die neue Trend-Diät, die dem Menschen nicht nur verspricht, dass er abnimmt, sondern noch viel mehr: Gesundheit, Schönheit und nebenher noch ein gutes Gewissen, weil man keine Tiere ausnutzt (“Melken ist Folter“, sagt der Tierfreund) und das Klima schützt (Tieraufzucht pustet viel mehr Kohlenstoffdioxid in die Luft als Pflanzenzucht).

          Ob die Heilsversprechen der veganen Ernährung gehalten werden, ist ungeklärt. Aber jede Menge Prominenz glaubt daran, auch im Rest der Welt. Ex-Präsident Bill Clinton, die Schauspielerinnen Alicia Silverstone, Gwyneth Paltrow und Pamela Anderson, die Sängerin Avril Lavigne - alle sind Veganer, wenn auch manche nur in Teilzeit. Und alle behaupten das Gleiche: „Es geht nicht um Verzicht.“

          Das stimmt natürlich nicht. Klar, Kakao mit Kokosmilch kann hervorragend schmecken, ebenso Kichererbsen-Curry, sogar veganer Apfelkuchen - ohne Milch, ohne Eier. Trotzdem zeichnen sich vegane Produkte zuallererst dadurch aus, dass vorne groß draufsteht, was nicht darin ist. „Laktosefrei“, „kein Fleisch“, häufig sogar auch noch „glutenfrei“. Und jeder Veganer kann eine Geschichte erzählen, wo seine einzige Wahl fürs Abendessen Kartoffeln pur oder Salat ohne Soße war.

          Verzicht ist Prinzip. Damit passt die Idee in eine Zeit, da das Essen und seine Kontrolle für viele etwas Quasi-Religiöses bekommen haben. Der Soziologe Gerhard Schulze spricht von einer „neuen Prüderie des Essens und Trinkens“. Zu ihr gehörten „strafende Blicke auf die Fettpolster anderer, Bußpredigten gegen Big Mac oder Currywurst; Exorzismen in Form von Fettabsaugung; Bioläden als Stätten der Einkehr und Absolution“. Veganer zu sein ist da nur die neue Spitze der Selbstkontrolle im Dienste der Gesundheit, Fitness und Weltrettung. „Zum Veganer wird man nicht aus Appetit, sondern weil man Moral über Genuss stellt“, sagt Schulze.

          Das klingt freudlos und anstrengend. Gerade deshalb schicken die neuen Veganer sich an, den Verzicht umzudeuten. Er soll möglichst wenig weh tun, am besten sogar Spaß machen. „Vegan for Fun“ heißt Hildmanns Vegan-Kochbuch, neue Vegan-Caterer nennen sich „Fairy Food“ oder „Vegan Wondercake“. Damit sind die Veganer die logische Nachfolge der Biobewegung, die erst dann so richtig erfolgreich wurde, als sie das gute Gewissen nicht mehr nur mit Vollkornschrot, sondern mit Spaß und Genuss verband. „Vegan ist das neue Bio“, sagt Jan Bredack. Darauf einen Grüntee.

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