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Lebensmittel : Deutschland, Land der Veganer

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An den strikten Veganern allein liegt das alles nicht. Sie sind viel zu wenige. „Rund 800 000 Menschen in Deutschland leben vegan, das sind nur ein Prozent der Bevölkerung“, sagt Sebastian Zösch, Geschäftsführer des Vegetarierbundes Deutschland und selbst seit acht Jahren Veganer. Zwar wächst die Zahl der Veganer deutlich schneller als die der Vegetarier. „Um zwanzig bis dreißig Prozent im Jahr“, schätzt Zösch. Doch das Geschäft beleben andere: die Teilzeit-Veganer.

„Viele junge Leute haben heute ein Bewusstsein dafür, dass es gut ist, vegan zu essen“, sagt Bredack von Veganz. „Auch wenn sie nicht gleich strenge Veganer werden.“ Vier Kundengruppen sieht er in seinen Läden: ökologisch Bewusste, die etwas suchen, das besser als Bio ist; Kranke, die ihre Nahrung umstellen nach Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs-Diagnose; Allergiker, besonders diejenigen, die keine Kuhmilch vertragen; und Menschen, die sehr auf Gesundheit und gutes Aussehen achten.

Letztere Gruppe scheint dem spontanen Besucher einer der Veganz-Filialen nicht die größte zu sein, finden sich doch hier eher Wollmützen- und Vollbartträger der unsportlicheren Art. Bis ein etwa 16 Jahre alter Typ den Verkäufer nach dem Regal mit veganen Proteinen für Kraftsportler fragt - und nebenher Attila Hildmanns Bauchmuskeln rühmt: „Ey, der ist echt voll krass mein Vorbild.“

Das macht klar: Vegan ernähren sich heute nicht mehr bloß Tierschützer und Überzeugte. Für viele ist es eher so etwas wie die neue Trend-Diät, die dem Menschen nicht nur verspricht, dass er abnimmt, sondern noch viel mehr: Gesundheit, Schönheit und nebenher noch ein gutes Gewissen, weil man keine Tiere ausnutzt (“Melken ist Folter“, sagt der Tierfreund) und das Klima schützt (Tieraufzucht pustet viel mehr Kohlenstoffdioxid in die Luft als Pflanzenzucht).

Ob die Heilsversprechen der veganen Ernährung gehalten werden, ist ungeklärt. Aber jede Menge Prominenz glaubt daran, auch im Rest der Welt. Ex-Präsident Bill Clinton, die Schauspielerinnen Alicia Silverstone, Gwyneth Paltrow und Pamela Anderson, die Sängerin Avril Lavigne - alle sind Veganer, wenn auch manche nur in Teilzeit. Und alle behaupten das Gleiche: „Es geht nicht um Verzicht.“

Das stimmt natürlich nicht. Klar, Kakao mit Kokosmilch kann hervorragend schmecken, ebenso Kichererbsen-Curry, sogar veganer Apfelkuchen - ohne Milch, ohne Eier. Trotzdem zeichnen sich vegane Produkte zuallererst dadurch aus, dass vorne groß draufsteht, was nicht darin ist. „Laktosefrei“, „kein Fleisch“, häufig sogar auch noch „glutenfrei“. Und jeder Veganer kann eine Geschichte erzählen, wo seine einzige Wahl fürs Abendessen Kartoffeln pur oder Salat ohne Soße war.

Verzicht ist Prinzip. Damit passt die Idee in eine Zeit, da das Essen und seine Kontrolle für viele etwas Quasi-Religiöses bekommen haben. Der Soziologe Gerhard Schulze spricht von einer „neuen Prüderie des Essens und Trinkens“. Zu ihr gehörten „strafende Blicke auf die Fettpolster anderer, Bußpredigten gegen Big Mac oder Currywurst; Exorzismen in Form von Fettabsaugung; Bioläden als Stätten der Einkehr und Absolution“. Veganer zu sein ist da nur die neue Spitze der Selbstkontrolle im Dienste der Gesundheit, Fitness und Weltrettung. „Zum Veganer wird man nicht aus Appetit, sondern weil man Moral über Genuss stellt“, sagt Schulze.

Das klingt freudlos und anstrengend. Gerade deshalb schicken die neuen Veganer sich an, den Verzicht umzudeuten. Er soll möglichst wenig weh tun, am besten sogar Spaß machen. „Vegan for Fun“ heißt Hildmanns Vegan-Kochbuch, neue Vegan-Caterer nennen sich „Fairy Food“ oder „Vegan Wondercake“. Damit sind die Veganer die logische Nachfolge der Biobewegung, die erst dann so richtig erfolgreich wurde, als sie das gute Gewissen nicht mehr nur mit Vollkornschrot, sondern mit Spaß und Genuss verband. „Vegan ist das neue Bio“, sagt Jan Bredack. Darauf einen Grüntee.

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