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Lebensmittel : Der Lidl und das Ei

  • -Aktualisiert am

Für ein Ei bekommt ein Bauer 11 Cent: Wer nicht zigtausend Hennen hält, kann davon nicht leben Bild: dpa

Für Lebensmittelskandale gibt man Bauern und Industrie die Schuld. Doch die wirtschaften im Korsett großen Preisdrucks. Heute der Hühnerskandal - und schon morgen brüllt der Einkäufer vom Discount wieder: „15 Prozent billiger!“

          Abermals wurde der Verbraucher betrogen. Wie es aussieht, hat ein großer Anteil der Hennen-Halter Tierschutzvorschriften umgangen. Gegen 200 Betriebe wird ermittelt. Schimmel war im Futter. Böse Bauern, heißt es wieder. Einige Bauern überfüllten die Ställe womöglich, weil sie somit ein paar tausend Euro mehr verdienen konnten und dachten, es wird schon niemandem auffallen.

          Einige Tierhalter verdienen gut. Andere aber mögen aus Existenznot gehandelt haben. Denn nur wenigen Verbrauchern ist bewusst, dass gerade die Tierhalter unter den Zwängen eines Marktes stehen, der nicht mehr ihr Freund zu sein scheint. Das hat auch mit veränderten Handelsstrukturen zu tun. Lidl, Aldi und Rewe sind mächtiger geworden.

          Ein Ei gleicht dem anderen

          Und es liegt daran, dass sich die Produkte von Landwirten kaum unterscheiden. Ein Ei ist kein Markenprodukt. Eines gleicht dem anderen. Es gibt nur braune, weiße, große, kleine, Boden-, Freilandhaltung. Mehr als tausend große Erzeuger stehen fünf Handelsketten gegenüber. Die verhandeln hart - und oft unfreundlich. Wenn sie sagen, das Ei sei zu teuer, rufen sie den nächsten Bauern an.

          Fast nirgendwo in Europa sind die Lebensmittel im Verhältnis zum Einkommen so billig, wie in Deutschland (absolut liegen die Preise im EU-Durchschnitt). Die niedrigen Preise sind ohne diese Konstellation nicht zu erklären: eine trotz fortschreitender Konzentration immer noch vielfältige Lebensmittelindustrie mit 6.000 Herstellern, rund 300.000 bäuerliche Betriebe - und andererseits der Lebensmittelhandel, in dem laut Bundeskartellamt 85 Prozent des Umsatzes allein auf die vier Handelsketten Edeka, Rewe, Aldi und Lidl/Kaufland entfällt.

          Ein bisschen einsam: Wenn Bauern verzweifelt sind, protestieren sie an den Orten, von denen sie sich Rettung versprechen Bilderstrecke

          Die Einkäufer von Aldi, Netto und Norma, heißt es in der Lebensmittelbranche, verhandelten hart, aber deren Händler benähmen sich anständig, es gebe Verbindlichkeit und Lieferantentreue. Anders sei es bei Lidl, ist zu hören: Dessen Einkäufer träten arrogant auf, drohten schnell mit der „Auslistung“ der Waren. Sie würden Mitarbeiter ihrer Lieferanten persönlich beleidigen. Etwas besser sei der Umgang Rewe und Edeka - aber auch die hätten zuletzt Verhandlungsmethoden des Discounts übernommen.

          Der Bauer Hermann Fuchs betreibt irgendwo in Deutschland einen größeren Legehennen-Betrieb mit Packstelle, in der Eier gestempelt und verpackt werden. Der Hof hält in mehreren Ställen etwa 100.000 Hennen. Von solchen Mittelstandsunternehmen gibt es einige, neben viel größeren und öffentlich unbekannten Ei-Konzernen wie die Deutsche Frühstücksei GmbH. Hermann Fuchs will nicht mit seinem wahren Namen zitiert werden und sagt mehrmals, dass er seinen „Laden sofort dichtmachen“ könne, wenn er als Informant erkennbar sei.

          Unerbittliche Verhandlungen auf Distanz

          Ein Mal im Jahr telefoniert er, wie alle seine Berufskollegen, mit dem Einkäufer eines großen Discountmarktes. Persönlich hat er die seit Jahren nicht gesehen - persönliche Gespräche, in denen einander beide Seiten in die Augen schauen, sind zur Ausnahme geworden, weil sich auf die Distanz unerbittlicher verhandeln lässt. Den Termin bestimmt die Handelskette. Es ist stets der Hochsommer - denn dann legen Hennen mehr Eier, die Nachfrage ist wegen der Hitze und Salmonellenängsten am geringsten, der Discount kann günstigere Preise durchsetzen.

          Der Anrufer der Discountkette beginnt das Gespräch zum Beispiel mit Sätzen wie: „Ja, sorry, Herr Fuchs, also wir haben für diese Region schon genügend Ware fürs nächste Jahr, aber für unser Lager an der dänischen Grenze, da können sie sich noch um einen Auftrag bewerben.“ Die ist so etwa 500 Kilometer entfernt. Bloß ein Scherz also, eine indirekte Drohung, Bauer Fuchs „auszulisten“, wenn er nicht billig liefert. Sie schreien und schmeißen den Hörer hin, sie benutzen die schlimmsten Schimpfworte, sagt ein anderer Lebensmittelhersteller.

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