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Arbeitsbedingungen auf Schlachthöfen : Das billige Fleisch hat einen Preis

  • -Aktualisiert am

Die Niedriglöhne der deutschen Fleischindustrie sind auch ein europäisches Politikum geworden. Vor wenigen Wochen war der belgische Wirtschaftsminister Johan Vande Lanotte in Vechta zu Gast und informierte sich bei Prälat Kossen über die Arbeitsrealitäten. Dann kündigte Belgien eine Anti-Dumping-Klage bei der EU-Kommission an. Denn belgische Schlachthöfe, die einen Mindestlohn von 12,88 Euro zahlen müssen, gerieten in Existenznot und hätten keine Chance im Wettbewerb. Nach Schätzungen der Gewerkschaft NGG erhalten die Werkvertragsarbeiter in Deutschland durchschnittlich 4 bis 5 Euro je Stunde. Die NGG ist nicht gut auf die Fleischbranche zu sprechen. Auch aus eigenem Interesse: Der Organisationsgrad ist extrem niedrig, und je weniger deutsche Beschäftige es gibt, desto schlechter die Aussichten.

Unternehmen fordern Mindestlohn

Deutschland profitiert als Standort für Schlachthöfe von Mindestlöhnen der Nachbarländer - und von den osteuropäischen Billigarbeitern. Jeder zweite Arbeiter von Tönnies, dem größten Schlachtkonzern, ist nach Angaben des Unternehmens über einen Werkvertrag mit Subunternehmen angestellt. Bei Danish Crown sind es sogar 75 Prozent, Vion hält sich bedeckt. „Bei durchschnittlich 8 bis 8,50 Euro“ lägen die Löhne, teilt Tönnies mit. „Zwischen „13 und 15 Euro pro Stunde“ zahle Danish Crown den Subunternehmern - wie viel diese an die Arbeiter weiterreichten, sei deren Sache. Auch der Konzern Vion beruft sich auf die „unternehmerische Freiheit“ seiner Vertragspartner. In der Fleischindustrie heißt es, ohne Auslagerung an Subunternehmer sei es nicht möglich, den harten Preiskampf im Lebensmittelhandel zu bestehen. In den vergangenen Jahren wurden Tausende Arbeitsplätze ausgelagert. Die Einhaltung von Arbeitsstandards sei Sache der Subunternehmer, lautet stets die Ausrede, wenn etwas nicht stimmt. Diese aber stehen sogar im Ruf der Nähe zur organisierten Kriminalität. Ein vor Jahren gerichtlich verurteilter Subunternehmer hatte über Schwarzgeldzahlungen an Arbeiter berichtet, die mithilfe von Rockerbanden abgewickelt wurden.

Das Geflecht der Eignerstrukturen dieser Firmen ist schwer durchschaubar. Der Geschäftsführer der Gewerkschaft NGG in Oldenburg, Matthias Brümmer, sagt, es gebe Indizien dafür, dass Fleisch- oder Schlachtkonzerne selbst hinter den Subunternehmern stecken, und sei es über „Strohmänner“. Beweise aber habe er nicht. Nicht selten, so zeigten Recherchen der „Oldenburgischen Volkszeitung“, hätten etwa Subunternehmer und die Gesellschaft, die die Schrottwohnungen an die Arbeiter vermietet, identische Geschäftsführer - und ihre Firmenadresse in den Gebäuden eines großen Fleischkonzerns.

Die Zentren der Fleischindustrie im Norden Deutschlands oder in Nordrhein-Westfalen haben auch deswegen einen wirtschaftlichen Aufschwung hinter sich, weil es Unternehmen niedrigere Löhne zahlen können als in Nachbarländern. So wuchs in den vergangenen Jahren das dänische Unternehmen Danish Crown auch deswegen in Deutschland stark zum viertgrößten Schlachtkonzern, weil es in Dänemark allen Angestellten einen Mindestlohn zahlen muss. Dass ein solcher auch für die deutsche Schlachtbranche kommt, dafür sprechen sich selbst die großen Konzerne der Branche aus. Vion sei „seit Jahren für gesetzliche Mindestlöhne“, um die Negativschlagzeilen zu beenden. Auch Tönnies und Danish Crown befürworten die Idee.

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