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Agrarindustrie : Der Bauernhof, der keiner ist

  • -Aktualisiert am

Mittagspause: Ronald Westphal (Zweiter von rechts) schaut bei der Gerstenernte vorbei. Im Hintergrund wartet der 286.000-Euro-Mähdrescher auf seinen Einsatz Bild: Schmitt, Felix

4300 Hektar, fünf Mähdrescher, mehr als 12 Millionen Euro Umsatz: Agro Bördegrün steht für eine Landwirtschaft, die Kritiker Agrarindustrie nennen. Die Firma selbst sieht sich aber als Familienbetrieb.

          5 Min.

          Alles hier ist groß. Die Felder, die Hallen, die Landmaschinen. Und der Chef. Ronald Westphal misst 2,05 Meter. Ein gewaltiger Mann mit festem Händedruck, wachen blauen Augen und einem schreiend grünen „Bördegrün“-Polohemd. Corporate Identity in Niederndodeleben, wo selbst die Kitas „Schrotewichtel“ und „Börderübchen“ heißen. Ohne Agro-Bördegrün wäre das spektakulärste an dem 4200-Einwohner-Dorf in Sachsen-Anhalt wohl der zungenbrecherische Name. So aber ist es der gigantische Agrarbetrieb. Knapp 4300 Hektar, etwa 70 Mitarbeiter, Kantine, gewaltiger Maschinenpark, Millionen-Umsatz: Wer bei Landwirtschaft an die Hofhund-und-Kälbchen-Idyllle aus dem Wimmelbuch denkt, wird hier große Augen machen.

          Ein Familienbetrieb mit industriellem Gerät: Mähdrescher der Bördegrün GmbH

          Wenn Westphal über die Landstraßen der Umgebung fährt, muss er suchen, bis er ein Stück Acker entdeckt, das jemand anderem gehört. Bördegrün ist überall. Fast 1600 Hektar Winterweizen, 700 Hektar Raps, 550 Hektar Mais, fast 500 Hektar Zuckerrüben. 740 Landbesitzer haben ihre Felder an den Platzhirschen verpachtet; auf einem Luftbild im Flur vor Westphals Büro sieht man, wie ihre handtuchschmalen Äcker ein Ganzes ergeben.

          Dass der Agrarbetrieb solche Dimensionen hat, liegt an seiner Geschichte. In der DDR war der Betrieb eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft. 1956 waren die LPG Pflanzenproduktion und die LPG Tierproduktion gegründet worden, Letztere überlebte das Ende des Sozialismus nicht. Für den Ackerbau aber sahen die Mitarbeiter Chancen. Die Region um Niederndodelben, die Magdeburger Börde, ist seit Jahrhunderten landwirtschaftlich geprägt. Die schweren, fruchtbaren Böden sind so etwas wie der Porsche unter den Ackerkrumen.

          12,7 Millionen Euro Umsatz im Jahr

          „Wir dachten uns damals, wenn dieser Betrieb es nicht schafft, dann schafft es keiner“, sagt Westphal. Er sitzt in seinem Büro, vor ihm das Smartphone, hinter ihm die Gründungsurkunden an der Wand. 1992 wurde Agro Bördegrün zu dem, was es heute ist: eine GmbH & Co KG, als Rechtsnachfolgerin der LPG. Westphal gehörte in den Wendejahren zu dem guten Dutzend Mitarbeitern, die sich trauten: Sie wurden Gesellschafter des neuen Unternehmens.

          Cash Cow: Der Betrieb verdient an dieser Biogasanlage mit

          Nie hätte der Agraringenieur gedacht, dass er mal LPG-Leiter werden würde. Dann aber kam 1989. Von der Vollversammlung wurde er an die Spitze des Betriebs gewählt. Pachtverträge mussten aufgesetzt, die Landeigentümer ausfindig gemacht und die Entsorgung von Asbest, Tankstelle und Gülle geregelt werden. Von den 340 Mitarbeitern musste viele gehen. Wer keine 20.000 Mark einbringen und Gesellschafter werden wollte, bekam eine Abfindung - je nach Hektar Landbesitz, Alter und Betriebszugehörigkeit. Insgesamt mussten die neuen Besitzer 9,2 Millionen Mark aufbringen; finanzieren konnten sie das über mehrere Jahre aus den Ernteerträgen. „Wir hätten nicht einfach zur Bank gehen können“, sagt Westphal. „Wir waren ein Niemand.“ Fünf Jahre lang zahlten sie die Abfindungen, zehn Jahre lang die Entsorgung der Altlasten. Hinzu kamen die Investitionen. In eine Getreidetrocknung und Saatgutaufbereitung etwa. In den Maschinenpark, die 500-Kilowatt-Photovoltaikanlage, die Gebäude, Werkstätten und Lager.

          Heute erwirtschaftet Bördegrün 12,7 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Das Getreide verkaufen sie bis nach Rotterdam und Italien, Westphal weiß genau, zu welchen Preisen gerade in Chicago und Paris gehandelt wird. Verkauft werden zwei Drittel der Ernte, lange bevor auch nur ein Weizenkorn vom Feld geholt wurde. Mal fährt der Betrieb mit einem Termingeschäft gut, mal wäre mehr zu holen gewesen, wenn man gewartet hätte. „Man muss die Gier, auf den einen, den astronomischen Preis zu warten, im Griff haben“, sagt Westphal. Dieses Jahr erwartet er eine durchschnittliche Ernte; acht Tonnen Ertrag je Hektar. Elfeinhalb Tonnen gab es auch schon mal. Neben dem Ackerbau betreibt Bördegrün eine Tankstelle, transportiert für andere Landwirte 400.000 Tonnen Zuckerrüben zur Fabrik und hat eine „kleine“ Mutterkuhhaltung mit 240 Tieren. Beteiligt ist die Firma zudem an einer Biogasanlage, die 3,2 Millionen Euro Umsatz im Jahr macht.

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