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Lautsprecher für Gesundheit : Zwei Männer machen Gesundheitspolitik

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Koalitionsgespräche: Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach (SPD) ist Verhandlungsführer in der Arbeitsgruppe „Gesundheit und Pflege“ Bild: Lüdecke, Matthias

Mit Jens Spahn (CDU) und Karl Lauterbach (SPD) führen ausgewiesene Fachleute die Delegation der Parteien in der Gesundheitspolitik. Dass sich beide für höhere Ämter berufen fühlen – keine Frage. Wer macht das Rennen?

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          Es war keine Überraschung, dass Jens Spahn (CDU) und Karl Lauterbach die Delegationen von Union und SPD in der Gesundheitspolitik leiten. Immerhin waren beide zuletzt „Sprecher“ ihrer Fraktionen in dem Themenfeld. Da gilt das „Sprechen“ nicht nur nach außen, sondern verlangt nach innen Führung und Kompetenz.

          Koalitionsgespräche: Bundestagsabgeordnete Jens Spahn (CDU)  ist Verhandlungsführer der Union in der Arbeitsgruppe „Gesundheit und Pflege“
          Koalitionsgespräche: Bundestagsabgeordnete Jens Spahn (CDU) ist Verhandlungsführer der Union in der Arbeitsgruppe „Gesundheit und Pflege“ : Bild: dpa
          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Weil aber fachliche Kompetenz nicht immer mit (partei-)politischer Potenz übersetzt werden darf, war es dann doch eine Überraschung, dass die beiden das gesundheitspolitische Gesicht der sich anbahnenden Koalition werden sollten. Waren doch zwei Frauen von politischem Gewicht für die Positionen im Gespräch: Annette Widmann-Mauz (CDU), Parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium und stellvertretende Vorsitzende der Frauen-Union. Bei der SPD war Elke Ferner, Vize-Fraktionschefin für Sozialpolitik, ins Rennen gegangen. Dass beide Frauen nun „Familien, Frauen, Gleichstellung“ verhandeln – Widmann-Mauz als Anführerin der Union –, belegt das breite politische Spektrum der beiden Frauen, aber auch das Durchsetzungsvermögen der Männer Spahn und Lauterbach.

          Spahn weiß sich in Szene zu setzen

          Ihre Durchsetzungsfähigkeit stellen beide nicht zum ersten Mal unter Beweis. Spahn tat das schon mit 22 Jahren, als er einen altvorderen CDU-Kandidaten zur Wahl 2002 in seinem Wahlkreis Steinfurt-Borken wegputschte und seither viermal in Folge das Direktmandat geholt hat. In Berlin hat er sich zielstrebig zu einem gefragten, weil kenntnis- und einflussreichen Fachpolitiker entwickelt. Selbstzweifel scheinen ihm fremd. Dass manche ihn als „heimlichen Gesundheitsminister“ titulierten, weil er unter schwarz-gelber Regierung das von der FDP geführte Ministerium mit „Prüfaufträgen“ eindeckte, wird ihm gefallen haben. Mit 33 Jahren ist er zu jung, um ihn im Sozial- oder Wirtschaftsflügel zu verorten. Er spielt in der eher undogmatischen „jungen Gruppe“ eine Rolle. Spahn weiß sich in Szene zu setzen. Rhetorisch versiert, scheut er nicht den Auftritt in abendlichen Talk-Trash-Shows.

          Sein personalpolitisches Meisterstück lieferte er voriges Jahr ab. Damals sorgte er dafür, dass der frühere Staatssekretär im Familienministerium, Josef Hecken (CDU), Chef der Selbstverwaltung des Gesundheitswesens („Gemeinsamer Bundesausschuss“) wurde, obwohl das Kanzleramt dies zu verhindern suchte. Das Signal war klar: Hier arbeitet ein Netzwerker mit Ambitionen, der auch dicke Bretter bohrt, ungeduldig, hungrig nach mehr Macht und Einfluss.

          Ungeduld und Übermut bei Lauterbach

          Das wird niemand seinem Gegenpart von der SPD, Karl Lauterbach, abstreiten. Und doch ist die Karriere des Medizinprofessors und Gesundheitsökonomen grundverschieden von der des Politikwissenschaftlers und Bankkaufmanns Spahn. Lauterbach stand schon im Zenit einer wissenschaftlichen Karriere, als er in das Geschäft der Politikberatung einstieg. Als Mitglied im Sachverständigenrat für Gesundheitsfragen erarbeitete er Reformvorschläge für die Regierung und wurde einflussreicher Berater von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). Aus der Zeit rühren viele Aversionen in der Ärzteschaft gegen den „Professor“. 2005 wurde aus dem Berater Lauterbach ein Politiker. Der Quereinsteiger bewarb sich, seither immer erfolgreich, um das Direktmandat im Wahlkreis Leverkusen/Köln IV.

          Lauterbach kann zu jeder These eine Studie zitieren, um schnelle Worte ist er nie verlegen. Manchmal reuen sie ihn später. In der Fraktion, zu deren linkem Flügel er gezählt wird, gingen Ungeduld und Übermut zuweilen mit ihm durch. Dass er als Sprecher auch in der Gesundheitspolitik andere Positionen vertrat als die Fraktion, irritierte Leute nicht nur in der SPD. Vom „Übermut und Hochmut der jungen Jahre“ sprach er kürzlich im „Spiegel“. Auch die Überschrift zum Text war eine Lauterbachsche Selbstbeschreibung: „Illoyal, herablassend, falsch.“ Man kann die öffentliche Beichte lesen als Entschuldigung und als Versprechen, sich in neuen Ämtern an die Spielregeln des Politbetriebs halten zu wollen, der zu wenig Corpsgeist genauso bestraft wie die übergroße Lust an der Selbstdarstellung.

          Nach welchen Regeln sich die Gesundheitspolitik künftig richten wird, liegt nun vor allem in den Händen von Fliegenträger Lauterbach und Spahn, der seine Krawatte lieber im Schrank lässt. Dass sich beide für höhere Ämter berufen fühlen – keine Frage. Nur: Das zu entscheiden, liegt in anderen Händen.

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