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Landwirtschaft : Die sieben Mythen im Dioxinskandal

Innerhalb von wenigen Tagen fiel der Preis für Schweinefleisch um ein Viertel

Innerhalb von wenigen Tagen fiel der Preis für Schweinefleisch um ein Viertel Bild: dpa

Die alten Reflexe funktionieren: Landwirtschaft soll grün, niedlich und bloß nicht industriell sein. Doch vor Gift in Lebensmitteln schützt uns eine solche Idylle erst recht nicht. Die sieben Mythen im Dioxinskandal.

          5 Min.

          1. Die industrielle Landwirtschaft ist schuld!

          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Das Dioxin ist über zugekauftes Futter in die Nahrungskette gekommen. Viel Vieh braucht viel Futter. Und viel Vieh ist typisch für die industrielle Tierproduktion. Knapp ein Drittel der deutschen Schweine kommt inzwischen von Betrieben, die mehr 1000 Schweine halten. Geflügelhöfe mit mehr als 10 000 Legehennen sind vor allem in Niedersachsen und Mecklenburg keine Seltenheit. Diese Massentierhaltungsbetriebe sind tatsächlich auf den Zukauf von Futter schon allein deshalb angewiesen, weil sie selbst nicht genug Getreide und Mais von eigenen Äckern ernten könnten, um das Vieh satt zu bekommen. Wer aber Futter zukauft, setzt sich dem Risiko aus, an Panscher zu geraten.

          Allerdings kaufen nahezu alle Mast- und Zuchtbetriebe Futter zu und folgen damit dem Wunsch nach austarierter Ernährung, die das Vieh gesund bleiben und schnell dick werden lässt. Selbst der kleine Betrieb von nebenan und sogar Biohöfe kommen nicht ohne Mischfutter aus, damit die Tiere Proteine, Mineralien, Vitamine und Fett bekommen.

          Dieses Mischfutter setzt sich aus vielen Zutaten zusammen, die wiederum von spezialisierten Lieferanten kommen. Wir haben es mit einem Phänomen der Alltagsökonomie zu tun: der Arbeitsteilung. Die Landwirtschaft ist wie die Lebensmittelproduktion und die gesamte Wirtschaft inzwischen höchst arbeitsteilig organisiert, bis zum Endprodukt mischen viele mit. Und manche davon panschen.

          Diese arbeitsteilige Organisation basiert auf Kontrolle und Vertrauen, das gelegentlich missbraucht wird. Die Alternative dazu ist der Bauer, der ohne die Hilfsmittel Kunstdünger und Spritzmittel Getreide zieht, es selbst isst oder an sein Vieh verfüttert, das er letztlich selbst verzehrt. Denn nur dann ist die Kontrolle und die Kreislaufwirtschaft perfekt. Das entspricht der Landwirtschaft vor der Industrialisierung.

          2. Mit Biolandwirten wäre das nicht passiert!

          Leider doch. Ende 2009 kam aus der Ukraine eine Charge von 2500 Tonnen Biomais, die erhöhte Dioxinwerte aufwies. Der Mais wurde von Bio-Futtermittelherstellern überwiegend zu Legehennenfutter verarbeitet. Reste wurden aber auch zu Futter für Mastgeflügel, Rinder, Schweine und Schafe verwendet. In der Folge wurden Biohöfe in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt gesperrt. Die Handelskette Lidl nahm deshalb vorübergehend sämtliche Bioeier aus dem Sortiment. Wie das Dioxin in den Mais gekommen war, weiß keiner so genau. Möglicherweise geschah es während des Trocknungsprozesses.

          Die Vermutung, dass Biobetriebe regelmäßig weniger belastete Lebensmittel liefern als konventionelle Höfe, bestätigt sich nicht. Die Biolandwirtschaft könnte das gar nicht leisten. Sie verfolgt nicht primär das Ziel, rückstandsfreie Produkte herzustellen. Sie will vielmehr die Umwelt schonen durch den Verzicht auf Kunstdünger und Pflanzenschutzchemie und den Tieren mehr Freiraum geben als in der konventionellen Landwirtschaft. Dazu gehört, dass die Viehhalter auf Biobetrieben die Tiere auch im Freien halten, weil das als artgerecht angesehen wird im Gegensatz zur reinen Stallhaltung. Die Konsequenz ist, dass die Tiere den Giften ausgesetzt sind, die in Gras und Boden lauern, wie zum Beispiel Cadmium, Blei, Quecksilber oder eben auch Dioxine. Die sind praktisch überall zu finden in der freien Natur.

          Das lernte die Öffentlichkeit zum Beispiel 2005, als bekannt wurde, dass Freilandeier aus Niedersachsen, Baden-Württemberg und Bayern die Grenzwerte für Dioxin viel häufiger überschritten als Käfigeier, die es damals noch in Deutschland geben durfte. Freilandhühner nehmen die Dioxingifte durch ständiges Picken aus dem belasteten Boden und Pflanzen auf. Rund jedes fünfte Freilandei aus den Stichproben lag damals über den Grenzwerten. Das ist bei dieser Tierhaltung fast unvermeidlich, ebenso wie die Verluste bei der Aufzucht. Schweinezüchter von Biobetrieben verlieren deutlich mehr Tiere als ihre konventionellen Konkurrenten. Wer Lebensmittel ohne das geringste Risiko fordert, propagiert gerade keine Biolandwirtschaft, sondern Lebensmittel aus dem Genlabor.

          3. Sicherheit bietet nur der Bauer von nebenan!

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