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La Maddalena : Das gestohlene Gipfeltreffen

Gebaut für die Großen der Welt: Das neue Konferenzzentrum von La Maddalena Bild: Tobias Piller / F.A.Z.

Es hätte der touristische Durchbruch werden können. La Maddalena vor der Nordküste Sardiniens sollte den Regierungsgipfel der acht größten Industriestaaten beherbergen. Als aber in den Abruzzen die Erde bebte, entschied sich Berlusconi über Nacht anders.

          Bürgermeister Angelo Comiti brauchte einen ganzen Tag, um sich in die unerwarteten Realitäten zu fügen. „Am Anfang dachte ich nur, das Ganze sei ein Beitrag zur Sendung ,Verstehen Sie Spaß?'“, sagt der Erste Bürger der Stadt La Maddalena. Eineinhalb Jahre lang hatten er und seine Stadt vor der Nordküste Sardiniens auf das Ziel hingearbeitet, die Mächtigen der Welt zu Gast zu haben. Doch am 23. Mai, nicht einmal sieben Wochen vor dem Ziel, hat Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der Gipfel wurde kurzerhand mitten ins Erdbebengebiet von L'Aquila verlegt. „Bei aller Solidarität mit den Abruzzen meine ich, dass L'Aquila kein Gipfeltreffen braucht. Das fügt zu all den Problemen noch ein weiteres hinzu“, sagt der Bürgermeister enttäuscht.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Ginge es für La Maddalena nur um reine Prestigefragen, könnte der „gestohlene Gipfel“, wie er nun in Sardinien heißt, noch etwas leichter als politisches Pech abgeschrieben werden. Doch La Maddalena wollte nicht einfach nur einen Werbespot. Das Kürzel „G 8“ symbolisierte fast zwei Jahre lang den Beginn einer neuen Epoche für eine Stadt, die bisher mit Tourismus wenig zu tun hatte. „Bisher haben wir gerade einmal ein paar Touristen im Sommer geduldet“, sagt der Lokaljournalist Andrea Nieddu. Hotels gibt es kaum, doch gaben sich die wenigen Urlauber als Geheimtipp die Adressen von privaten Wohnungsvermietern weiter. Dafür, dass La Maddalena am äußersten Ende Italiens und noch dazu auf einer Insel liegt, ist die Stadt jedoch unerwartet groß: 12 000 Einwohner leben hier, vor allem an einer kilometerlangen Häuserfront im Süden der Insel, die wie die Stadt ebenfalls La Maddalena heißt und zusammen mit einem Archipel von sechs großen und 21 kleinen Inseln das Stadtgebiet darstellt.

          Wandel zum Tourismusstandort ist mühsamer als erwartet

          Für den früheren italienischen Ministerpräsidenten Romano Prodi schien die Insel La Maddalena gerade passend, als er 2007 über den Austragungsort des Weltwirtschaftsgipfels entschied. Nachdem die letzte Konferenz in Genua von Straßenschlachten gezeichnet war, wirkte die überschaubare und gut kontrollierbare Insel geradezu ideal. Die linken Politiker an der Spitze der Region Sardinien brauchten wiederum eine aufsehenerregende Veranstaltung, weil sie unter die bisherige Geschichte von La Maddalena aus politischen Gründen einen Schlusspunkt gesetzt hatten. Jahrhundertelang hatte die Stadt bisher von Militär- und Marinestützpunkten gelebt. Italiens Marine hatte dort vor einigen Jahrzehnten noch 1000 Mann stationiert. Bis 2007 hatte auch die amerikanische Marine auf der Insel eine Basis, die mit dem Versorgungsschiff „Emeryland“ und 2600 Soldaten für Nachschub und Instandhaltung der Atom-U-Boote im Mittelmeer sorgte. Der politisch beschleunigte Abzug der Amerikaner wurde in der Gegend als Großtat für Frieden und Ökologie gefeiert. Zudem klang damals immer wieder an, dass La Maddalena eine bessere Zukunft als Tourismusziel an der prestigeträchtigen Nordküste Sardiniens verdient habe.

          Architekt Stefano Boeri sitzt an der Stelle Probe, an der der amerikanische Präsident Barack Obama hätte sitzen sollen

          Mittlerweile stellt sich jedoch heraus, dass der Wandel von der staatlich finanzierten, aber teilweise verschmähten Militärwirtschaft zu einem privatwirtschaftlich organisierten, wettbewerbsfähigen Tourismusstandort viel mühsamer ist als erwartet. Dabei schien zunächst der versprochene Weltwirtschaftsgipfel wie eine bequeme Lösung für alle Probleme des Übergangs. Vor allem aber hatte sich wieder die Zentralregierung in Rom darum gekümmert, alle Probleme von La Maddalena von oben her zu lösen.

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