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Kurz vor der Wahl : In Indien tobt ein Kampf um die Kuh

Im Trott hinter dem Auto her: Indische Kühe passen sich dem Straßenverkehr an Bild: picture alliance / Dinodia Photo

Die Achtung der Kuh ist in der indischen Verfassung gesichert. Doch gerade die Armen brauchen das Fleisch. Der Handel mit dem heiligen Tier wird zum Wahlkampfthema.

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          Hindus betrachten sie als ihre Mutter. Doch nun spaltet die Kuh die indische Politik, wird zum Wahlkampfthema und Gegenstand wirtschaftspolitischer Debatten. Immer lauter wird gestritten über eine notwendige „grüne Revolution“, die der Landwirtschaft hilft, über eine „weiße Revolution“, die die Milchwirtschaft fördert, und über eine „pinke Revolution“ – den von den meisten Hindus verabscheuten Handel mit Rindfleisch. Der Kampf um die Kuh wird so eifrig geführt wie derjenige um Korruption und Vetternwirtschaft.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Hindu-Partei Bharatiya Janata Party (BJP) plant im Bundesstaat Rajasthan die Errichtung eines ersten Kuh-Ministeriums zum „Erhalt und Schutz“ der Kühe. Eine Kuh-Universität soll sich mit allen Aspekten des Milchviehs befassen. 3,5 Milliarden Rupien (41,4 Millionen Euro) will die Landesregierung einsetzen, um Unterstände für herrenlose Kühe zu finanzieren. Geschulte Polizisten sollen gegen den Schmuggel mit Kühen und Rindfleisch vorgehen.

          „Bei allem Respekt, das ist wirklich eine falsche Priorität“

          Narendra Modi, BJP-Spitzenkandidat für die Wahl des indischen Ministerpräsidenten im Frühjahr, geht auf Stimmenfang mit seinem Kampf gegen die „rosafarbene Revolution“: Bei Wahlkampfauftritten wirft er der Regierungspartei um die Gandhi-Familie vor, den – unseligen – Fleischhandel fördern zu wollen. In Gujarat, Modis Heimatland, plant er ein Kuh-Sanatorium für mehr als 10.000 Tiere. Als aber Vasundhara Raje, die neue Ministerpräsidentin von Rajasthan, per Twitter das Ministerium ankündigte, erntete sie Antworten wie diese: „Bei allem Respekt, das ist wirklich eine falsche Priorität: Was wir brauchen, sind mehr Arbeitsplätze, um die Abwanderung der Jugend aufzuhalten.“

          Das Ringen um das Huftier hat mythologische Wurzeln: Kamadhenu, die oft mit lieblichem Frauengesicht dargestellte „Ur-Kuh“, ist den Hindus heilig. Sie beschert ihrem Besitzer alles, was er sich nur wünscht. Ihre Bedeutung kann kaum überschätzt werden: Im Hindu-Pantheon ist der Platz der Kuh an der Seite Lord Krishnas. Selbst der Urin der Kühe gilt manchem als magisch. So kann das Milchvieh bis heute in Indien auf ein geruhsames Leben auch auf den Straßen der Innenstädte zählen, wo es kostenlos versorgt wird.

          Microchips für streunende Kühe

          Die Stadtverwaltung in Delhi hatte den geschätzten 40.000 streunenden Kühen einen Microchip einpflanzen lassen, um ihren Standort verfolgen zu können. Die Betreibergesellschaft Tamil Nadu Road Development Company Ltd. (TNRDC) lieferte mit Indiens erster Bezahlautobahn gleich ein Rundum-sorglos-Paket: „Wird hier eine Kuh angefahren, zahlen wir von der Autobahngesellschaft natürlich für ihren Transport und auch den Tierarzt“, sagt der Geschäftsführer.

          Zwar wird Ausländern in Indien heute durchaus Rindfleisch angeboten. Manchmal auch nachts, von Boten, die an die Tür klopfen. Doch geht die Achtung der Kuh auf die Brahmanen zurück und ist sogar in der indischen Verfassung gesichert. Gerade die Armen Indiens müssen auf Rindfleisch zurückgreifen, um sich zu ernähren. Sie müssen die Kadaver verstorbener Kühe entsorgen, arbeiten in der Lederindustrie – und gelten wohl auch deshalb als „Unberührbare“.

          Gefängnis für den, der eine Kuh tötet

          So entsteht ein Konflikt um die Kuh zwischen Muslimen und Armen auf der einen Seite und gläubigen Hindus auf der anderen. Den macht sich der konservative Hindu Modi zunutze: „Unsere nächste Generation bekommt nicht genug Milch, und diese Regierung will Kühe umbringen. Ich bin mir sicher, dass Sie Ihr Gewicht einbringen werden, um diesen Wahnsinn aufzuhalten“, rief er dem Wahlvolk zu.

          Die BJP hat in denjenigen Bundesstaaten, in denen sie die Mehrheit gewann, ein Schlachtverbot eingeführt. In den Bundesstaaten Madhya Pradesh und Karnataka droht nun jedem Gefängnis, der eine Kuh tötet – oder sie nur zum Schlachten transportiert. Studenten an einigen Universitäten aber begehren auf und organisieren öffentliche Steak-Mahlzeiten, um gegen den Zwang der Ernährung zu protestieren. Radikale Hindu-Kommilitonen griffen sie darauf mit Knüppeln an.

          Auch die Welternährungsorganisation (FAO) hat sich in ihrem Indienbericht dem Thema gewidmet: „Der Büffel ist der Freund des Menschen. Er übersteht nicht nur Dürre. Er verspricht auch Millionen Milch und Fleisch zu akzeptablen Preisen. Paradoxerweise aber wurde er diskriminiert vor allem aufgrund seines dunklen Fells. Das ist ein Fall von Apartheid gegenüber Büffeln im Vergleich zu verwandten (Tieren).“

          Indien ist der zweitgrößte Exporteur von Rindfleisch

          Dabei ist Indien schon heute der zweitgrößte Exporteur von Rindfleisch nach Brasilien. In diesem Jahr dürfte die Ausfuhr um 6 Prozent im Jahresvergleich auf rund 1,8 Millionen Tonnen steigen, rund ein Fünftel der weltweiten Handelsmenge, schätzt das Landwirtschaftsministerium in Amerika. Der ganz überwiegende Teil davon stammt von Büffeln. Doch könnte das Land seine Wirtschaft fördern und den Hunger mindern, wenn es Zucht und Fleischhandel stärkte, sagt die FAO.

          Der Kampf um die Kuh dürfte sich freilich noch verschärfen. Denn die neue Antikorruptionspartei AAP setzt die BJP, die schon auf einen sicheren Sieg bei der Parlamentswahl ab Mai gesetzt hatte, gewaltig unter Druck. Korruption ist ein Thema, das gerade der Mittelschicht am Herzen liegt.

          Auch deshalb wendet sich die Hindu-Partei nun besonders der Kuh zu. „Die BJP will sich von der AAP abgrenzen und Wähler gewinnen. Ein Thema wie die Kühe ist den Menschen wichtig, deshalb nutzt die BJP es, um Stimmen zu fangen“, sagt Jai Mrug, einer der führenden politischen Kommentatoren des Landes.


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