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Kurt Biedenkopf im Interview : „Die Jungen sind egoistischer als die Alten“

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Kurt Biedenkopf ist im Januar 84 Jahre alt geworden. Wie hält er sich fit? „Sport ist nicht so meine Sache. Stattdessen habe ich die Vorzüge des gesunden Essens entdeckt.“ Bild: © Robert Brembeck / ROBA Images

Kurt Biedenkopf warnte früh vor einem Kollaps des umlagefinanzierten Rentensystems. Im Interview spricht er über den Kampf der Generationen, die fatalen Folgen der Rente mit 63 und die Angst der Alten vor dem Alleinsein.

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          Herr Biedenkopf, haben die Alten die Macht im Land übernommen?

          Sicher nicht. Aber selbst wenn sie eines Tages die Mehrheit bilden, könnten sie ihre Kinder und Enkel nicht zwingen, länger und härter zu arbeiten, um Renten zu bezahlen, die sie heute für ihr Alter beschließen. Die Jungen werden sich nicht ausbeuten lassen.

          Wieso? Die große Koalition beschließt die Rente mit 63, lässt sie von den Jungen bezahlen – und die geben keinen Mucks.

          Warum sollten sie? Sie werden ihre Antwort geben, sobald sie die Verantwortung übernehmen. Und die wird den Alten nicht gefallen.

          In Umfragen sind 90 Prozent für die Rente mit 63. Also alle!

          Das haben Rentenversprechen so an sich. Vor allem, wenn sie als Akt der sozialen Gerechtigkeit verkauft werden und die Kosten im Dunkeln bleiben. Warum sollte eine Bevölkerung, die über Jahrzehnte an staatliche Wohltaten gewöhnt wurde, diese Wohltat plötzlich ablehnen? Zumal dann, wenn die Folgen nicht offensichtlich sind?

          Die Politiker verschleiern?

          In der Tat: Die Verantwortung liegt bei denen, die dem Volk auch in Zukunft ein gutes Leben sichern wollen. So steht es in der Regierungserklärung von Kanzlerin Angela Merkel. Aber dann kommt wenig Konkretes. Kein Wort über die zukünftigen Kosten der gesetzlichen Rentenversicherung und über die voraussichtlichen Lasten der Jüngeren. Das ist nicht genug.

          Die Rentner werden mit Wahlversprechen manipuliert?

          Das hat eine lange Tradition. Auch der jüngste Bundestagswahlkampf hat wieder gezeigt: Versprechen werden gemacht, von denen klar ist, dass die so nicht eingehalten werden können. Später werden solche Versprechen dann zurückgenommen – meistens so, dass die Rentner die Wirkungen nicht sofort durchschauen können. Kein Wunder, dass die Menschen einem System nicht mehr vertrauen, das von der Unmündigkeit des Bürgers ausgeht.

          Wie entsteht Rentenpolitik? Sagt der Parteivorstand: So, wir brauchen mehr Rentner als Wähler, also her mit der Rente mit 63?

          Es läuft eher so: Die Sozialpolitiker diskutieren über neue sozialpolitische Maßnahmen und begründen sie mit dem Gebot der sozialen Gerechtigkeit. Was das genau ist, definieren sie selbst. Die höhere Rente für Mütter mit vor dem 1. Januar 1992 geborenen Kindern, die jetzt beschlossen wurde, ist ein gutes Beispiel. Der bisherige Stichtag musste dem Gebot der sozialen Gerechtigkeit weichen. Dabei hat jede derartige Regelung einen Stichtag. Die Neuregelung wirkt deshalb als willkürliche Politik. Man kann mit sozialer Gerechtigkeit viel begründen und verführen – auch den Verstand, der uns rät, Maß zu halten.

          Was wäre stattdessen richtig?

          Unser Sozialsystem regt die „Leistungsempfänger“ kaum an, selbst mitzudenken und Eigenverantwortung zu übernehmen. Unser staatliches Rentensystem ist durch ständige Interventionen geprägt. Kein Rentner kann es mehr verstehen. Statt ihm eine verstehbare Ordnung zu geben, wird es immer komplizierter. Es belastet zunehmend die öffentlichen Haushalte – obwohl wir immer dringender Geld brauchen für Bildung, Forschung, Technologie. Diese Bereiche sichern die zukünftige Leistungsfähigkeit der Jüngeren. Interessant ist, dass das die Politik der geburtenstarken Jahrgänge ist. Den Jüngeren liefern sie damit später gute Argumente gegen die Ansprüche der dann Älteren!

          Die Babyboomer werden von ihrer Rentenpolitik nicht profitieren?

          Wie wird denn das gute Leben der geburtenstarken Jahrgänge aussehen, wenn sie in 20 Jahren in Rente gehen? Viele werden auf Grundsicherung angewiesen sein und aufzehren, was sie gespart haben.

          Ist Deutschland eine Rentnerdemokratie?

          Dafür gibt es Anzeichen. Die große Koalition macht Politik in Übereinstimmung mit der Anspruchshaltung der geburtenstarken Jahrgänge. Doch diese Haltung hat keine Zukunft. Was diese Gruppen sich versprechen, ist nur bedingt erfüllbar.

          Kann man in Deutschland Wahlen gegen die Rentner gewinnen?

          Meine Erfahrung lehrt mich: mit guten Argumenten immer! Als ich 1990 in Sachsen kandidierte, habe ich den Leuten gesagt: Blühende Landschaften gibt es nicht morgen. Das braucht eine Generation. Das war mehrheitsfähig. Es ist ein großer Irrtum zu glauben, die Menschen seien unmündig – Kinder von Vater Staat gewissermaßen! Dass Gerhard Schröder an seinem Reformpaket scheiterte, lag nicht an den Wählern, sondern an seiner Partei.

          Sind große Reformen möglich in einer Demokratie?

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