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Kurioses Zulassungsverfahren : Chinas Lottofee verhilft zum Autokennzeichen

Im staugeplagten Peking werden erstmals Zulassungen verlost. Doch das Verfahren ist alles andere als transparent. Voller Kuriositäten ist auch die chinesische Führerscheinprüfung für Ausländer. Mit interaktivem Quiz.

          Den Umweltfachleuten an der amerikanischen Botschaft fehlen die Worte, wenn sie die Luftbelastung in Peking beschreiben sollen. Ihre Messstation ermittelt jeden Tag den international gebräuchlichen „Luftqualitätsindex“ aus Feinstaub und schädlichen Gasen. Die Skala reicht bis 500, dann endet die höchste Gefährdungsstufe namens „riskant“. Als der Wert im November überschritten wurde, fiel den Experten keine passendere Bezeichnung ein als „verrückt schlecht“. Die offizielle Formulierung für den Ausnahmezustand, der immer seltener eine Ausnahme ist, heißt jetzt „jenseits des Index“.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Wie in vielen anderen Städten in China übersteigt in Peking, wo etwa 19 Millionen Menschen leben, die Luftbelastung praktisch jeden Tag den in Europa und Amerika zulässigen Höchstwert. Zwar hat man zu den Olympischen Spielen 2008 viele Industriebetriebe verbannt, die U-Bahnen ausgebaut und für Personenwagen an wechselnden Tagen Fahrverbote erlassen. Den Straßenverkehr bekam die Stadt dennoch nicht in den Griff. Nach Angaben der Verkehrsbehörde kamen im Jahr 2010 jeden Tag netto 2000 neue Autos auf die Straßen. Im Dezember waren in der Stadt 4,8 Millionen Kraftfahrzeuge und 6,25 Millionen Führerscheininhaber registriert.

          Für das neue Jahr hat die Stadtverwaltung daher ebenso überraschend wie rigoros beschlossen, die Zahl der Zulassungen um zwei Drittel auf 240.000 zu senken. Damit es dabei gerecht zugeht, werden die Zulassungen verlost, bis zu 20.000 jeden Monat. Jetzt sind die ersten 17 600 glücklichen Autofahrer ausgewählt worden, aus mehr als 187.000 Bewerbungen. Die Lotterie wurde im Fernsehen und im Internet übertragen und erinnerte an die Ziehung der Lottozahlen. Weibliche Notariatsbeamte öffneten ein versiegeltes Aluminiumköfferchen mit Nummernkugeln. Damit wurden ein halbes Dutzend Glücksfeen beiderlei Geschlechts ermittelt, die per Zufallsgenerator eine sechsstellige Zahl auslosten. Damit gefüttert, spuckte ein Computer die Namencodes der Gewinner aus.

          „Offenheit, Fairness und Gleichheit“ - Skeptiker haben Zweifel

          Der Stellvertretende Generalsekretär der Stadtverwaltung, Zhou Zhengyu, sagte, das Verfahren garantiere „Offenheit, Fairness und Gleichheit“. Genau das allerdings bezweifeln Skeptiker, deren Kritik sich vor allem im Internet entlädt. Auf dem populären Portal Sina schreibt ein Computerfreund, solange niemand das Computerprogramm kenne und seine Auswertung kontrolliere, sei die Prozedur kaum glaubhaft. Ein Nutzer aus Hangzhou südwestlich von Schanghai, wettert in einem Blog: „Ich hoffe, Hangzhou folgt Pekings Beispiel nicht. Das System ist doch käuflich und korrupt und löst keines der Verkehrsprobleme.“

          Tatsächlich fürchten die Autofahrer und Kraftfahrzeughändler in vielen Regionen, dass das Beispiel aus der Hauptstadt Schule machen könnte. Das gilt weniger für Schanghai, das seine Nummerschilder seit längerem meistbietend versteigert; sie bringen etwa 45 000 Yuan ein (5000 Euro), statt 500 Yuan wie in Peking. Aber in vielen anderen Millionenstädten denken die Behörden darüber nach, die Zulassungen zu limitieren. Das könnte Chinas aufstrebende Mittelschicht verprellen, in der Autos als Statussymbol und Ausdruck individueller Mobilität gelten.

          Autohändler, Fahrschulen und Versicherungen klagen über Rückgänge

          Die Beschränkungen könnten auch handfeste wirtschaftliche Ausfälle bedeuten. In der Pekinger Presse klagen Autohändler, Fahrschulen und Versicherungen über starke Rückgänge seit Neujahr. Tankstellen korrigieren ihre Absatzprognosen nach unten. Dem dürften allerdings Zuwächse bei Taxis und Mietwagen gegenüberstehen. Ganz zu schweigen von den geringeren Zeitverlusten und Logistikkosten im besser fließenden Verkehr.

          Die Befürchtungen von Anlegern dürften ebenfalls übertrieben sein. Sie hatten nach Bekanntgabe der Pekinger Pläne Autoaktien verkauft, weil sie um das Geschäft in China fürchteten. Doch die Stadt macht kaum 4 Prozent des Absatzes aus, alle Hersteller drängen ohnehin in die Provinz. Wie zur Bestätigung der guten Lage wurde zeitgleich zur Verlosung bekannt, dass nach Audi, BMW und Mercedes auch Porsche 2010 in China so viele Autos verkauft hat wie nie zuvor. In Peking ist man sich einig, dass solche Autos viel zu schön sind, um damit im Stau zu stehen.

          Wie der Kunststoffsack vor dem Ertrinken rettet

          An dem Chaos auf Chinas Straßen sind sicher nicht die Verkehrsregeln schuld. Auch liegt die Überfüllung nicht daran, dass es zu leicht wäre, einen Führerschein zu bekommen. Die Gesetze sind streng, in Städten wie Peking überwachen Kameras und viele Polizisten den Verkehr. Eine Fahrerlaubnis zu erringen ist schwierig, zeitraubend und teuer. Die Fahrschulen liegen weit draußen, da sie eigene Verkehrsübungsplätze unterhalten und Grund und Boden teuer ist. Fahrstunden im richtigen Verkehr sind selten. Ausländer müssen vor dem Umschreiben ihres Führerscheins eine theoretische Prüfung bestehen. Es sei denn, sie sind Diplomaten - oder Belgier. Die Einwohner des kleinen Landes verstehen sich zwar untereinander nicht recht, offenbar aber sehr gut mit den Chinesen. Die Prüfung besteht, wer 90 von 100 Fragen am Testcomputer richtig beantwortet. Die Gefahr, durchzufallen, ist hoch, da es manche Daten und Abweichungen zum heimischen Regelwerk zu lernen gilt. Außerdem sind die Lehrbücher recht eigenwillig übersetzt. Es folgen Beispiele aus der deutschen Fassung, die übrigens nicht von einem Übersetzungsprogramm erstellt wurde, sondern von Studenten. Testen Sie hier, ob Sie bestehen würden: Quiz: Sind Sie fit für den chinesischen Führerschein?

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