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Kulturausgaben : Eine kleine Ökonomie der Oper

Viel Glanz: Die Dresdener Semperoper ist bekannt - und gut besucht. Bild: dpa

Nirgends gibt es so viele Opern wie bei uns. Selbst alte Kulturnationen wie Italien und Frankreich verfügen über weniger feste Opernensembles. Kritiker monieren, öffentlich finanzierte Opernaufführungen seien nichts anderes als eine Umverteilung von unten nach oben. Doch ganz eindeutig ist das nicht.

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          Zwickau, an einem Abend in der gerade abgelaufenen Spielzeit. Das Ensemble des hiesigen Theaters führt Genoveva auf, eine selten gespielte Oper des Komponisten Robert Schumann, der vor zweihundert Jahren ein paar Häuser weiter geboren wurde. Es ist ein Ereignis, zu dem die Leute auch von weit her anreisen. Die Inszenierung wird von der Fachpresse gelobt. Mit ein paar Kniffen schafft es der Regisseur, das als schwierig geltende Stück für die Bühne zu retten. Er lässt Videosequenzen einspielen, die männliche Hauptfigur als Alter Ego des Komponisten auftreten.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nach der Pause ist es mit dem Kunstgenuss erst einmal vorbei. Der Erste Kapellmeister des Hauses kommt auf die Bühne. Er bittet um Unterschriften gegen die geplanten Kulturkürzungen im Land. Sie würden, sagt er, für das ohnehin schon fusionierte Theater Plauen-Zwickau das Ende einer Sparte bedeuten. Sein Vortrag gipfelt in dem Satz: "Wollen und können wir in einer Welt leben, in der sich alles finanziell rechnen muss?"

          Seit die öffentlichen Haushalte durch die Finanzkrise in eine Schieflage gerieten, sind solche Szenen an Deutschlands Opernhäusern wieder häufiger zu erleben. Der Mechanismus ist immer der gleiche: Kommunal- oder Landespolitiker setzen bei ihren Kulturbetrieben den Rotstift an - und provozieren einen Aufschrei des kulturbeflissenen Publikums. Am Ende geht es mit dem Musiktheater irgendwie weiter, aber an den Häusern bleibt in einer breiteren Öffentlichkeit der Ruf hängen, sie verträten ein sterbendes Genre.

          Bild: F.A.Z.

          Dabei kann davon in Deutschland keine Rede sein. An 84 Häusern in 81 Städten treten hierzulande regelmäßig festengagierte Opernensembles auf - mehr als in jedem anderen Land auf der Welt. Alte Kulturnationen wie Italien oder Frankreich verfügen jeweils nur über ein Dutzend fester Opernensembles, in Großbritannien oder Spanien sind es noch weniger. Allein mitteleuropäische Nachbarländer wie Tschechien oder Österreich können mit der deutschen Operndichte konkurrieren. Der hiesige Föderalismus hat seine Spuren hinterlassen, rund die Hälfte der Häuser sind ehemalige Hoftheater. Die übrigen Bühnen gehen auf Gründungen des städtischen Bürgertums zurück, das mit den Fürsten um kulturellen Glanz wetteifern wollte.

          In die Musiktheater strömen so viele Menschen wie in die Fußball-Stadien

          Mehr als 5000 angestellte Musiker zählen die Orchester, fast 3000 Sänger die hauseigenen Chöre, rund 1300 Solisten sind fest engagiert. Gemeinsam stemmen sie mehr als 6000 Opernabende pro Jahr, davon rund 600 Premieren. Die meisten dieser Theater sind Mehrspartenhäuser, auch das eine deutsche Spezialität: Oper, Schauspiel und - immer seltener - Ballett unter einem einzigen Dach, mit bemerkenswerten Synergieeffekten. Die Werkstätten arbeiten für Oper und Schauspiel gleichermaßen, das Opernorchester spielt auch Konzerte, Musical und Ballett. Ob in Lüneburg mit insgesamt 138 Mitarbeitern oder in Stuttgart, dem weltgrößten Theaterbetrieb mit 1348 Beschäftigten. Nur in wenigen Städten ist die Oper eigenständig.

          Sie alle spielen nicht vor leeren Sälen, im Gegenteil. Die Oper als multimediale Kunstform erlebt eine erstaunliche Renaissance. Jahr für Jahr strömen in Deutschlands Musiktheater so viele Menschen wie in die Stadien der Fußball-Bundesliga - die im Übrigen ebenfalls nicht ohne öffentliches Geld auskommt; für Polizeieinsätze und Stadionbauten, aus Fernsehgebühren und dem Sponsoring kommunaler Unternehmen.

          Der Staat schießt jährlich 2,1 Milliarden Euro zu

          Rund 10 Millionen Zuschauer besuchen die Vorstellungen aller musikalischen Genres - neben Oper auch Operette und Musical, Tanz und Konzert. Die gleiche Zahl an Gästen kommt ins Sprechtheater einschließlich Jugendtheater und Beiprogramm. Alles in allem bringen Deutschlands Stadt- und Staatstheater alljährlich 20 Millionen Tickets unters Volk. Knapp 400 Millionen Euro nehmen sie selbst an Eintrittsgeldern ein, der Staat schießt 2,1 Milliarden Euro zu.

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