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Kulturausgaben : Eine kleine Ökonomie der Oper

Anders rechnen die kleineren Bühnen. Ihnen fällt es angesichts stagnierender Zuschüsse schon schwer, die tariflich festgelegten Gehälter von Orchestermusikern und Chorsängern, Technikern und Verwaltungsangestellten aufzubringen. Sparen müssen sie deshalb an den Solisten mit ihren befristeten Verträgen. Wer in der Provinz die großen Opernrollen singt, erhält dafür oft nur die Mindestgage von 1600 Euro brutto im Monat - wenn er das Glück hat, ein solches Festengagement zu ergattern. Auch ein Kapellmeister verdient oft weniger als die Orchestermusiker, die seinen Anweisungen folgen. "The winner takes it all", nennen Soziologen das Prinzip solcher Märkte, bei denen es vor allem auf den Nimbus großer Namen ankommt - und weniger auf den praktischen Gebrauchswert.

Feinjustierung bei den Ticketpreisen

Auch für die Kartenpreise gilt inzwischen: Die Opernhäuser nehmen, was sie bekommen können. Das ist in den einzelnen Regionen sehr unterschiedlich. Während in München die teuersten Karten für Galavorstellungen und Premieren bis zu 264 Euro kosten, sind am Landestheater Neustrelitz die besten Plätze schon für 22 Euro zu haben. Dabei ist Feinjustierung gefragt. Ist am Abend der hinterste Rang völlig ausverkauft, das Parkett aber weitgehend leer, dann hat es das Haus mit seinen Preiserhöhungen offenbar übertrieben. Verhält es sich umgekehrt, dann gibt es noch Luft nach oben. Manche Theater verlangen freitags und samstags höhere Preise als wochentags, für Premieren und besonders prominente Besetzungen sind ohnehin Aufschläge fällig.

Die Zeiten, in denen Opernmanager auf Zahlen nicht zu achten hatten, sind längst vorbei - falls es sie je gab. Heute bewegen sich die Disponenten stets im magischen Viereck zwischen Besucherzahl und Auslastung, Eigenfinanzierungsquote und Subvention pro Karte. Wer bei allen vier Kriterien versagt, hat ein Problem. Allerdings lässt keiner dieser Indikatoren für sich genommen ein Urteil zu. Oft widersprechen sich die Ziele gegenseitig. So lässt sich die prozentuale Auslastung leicht erhöhen, indem man die Zahl der Vorstellungen reduziert - was allerdings die absolute Zahl der Besucher verringert und damit auch den Zuschuss pro verkaufter Karte erhöht, weil die Fixkosten bleiben.

Auch lokale Besonderheiten gilt es zu beachten. Bei den Opernvorstellungen des Anhaltischen Theaters Dessau beispielsweise waren in der Saison 2008/2009 nur vier von zehn Plätzen belegt. Das liegt allerdings daran, dass die Nationalsozialisten hier ein Haus für mehr als tausend Zuschauer bauten - viel zu viel für eine Stadt mit heute weniger als 90000 Einwohnern. Bei der Berliner Staatsoper ist es umgekehrt. Mit ihren knapp 1400 Plätzen ist sie für ein Haus von internationalem Rang viel zu klein, kaum irgendwo sonst treten so teure Künstler vor so wenig Publikum auf. Der renovierungsbedingte Umzug ins noch kleinere Schiller-Theater verschärft das Problem. Die statistische Folge: Nirgends sonst zahlt der Staat so viel pro verkaufter Karte, mehr als 200 Euro. Kleinstadtbühnen wie in Halberstadt oder Radebeul kommen mit rund 60 Euro aus.

Je stärker die Häuser unter Rechtfertigungsdruck geraten, desto mehr greifen sie selbst zu ökonomischen Argumenten. Von Umwegrentabilität ist dabei oft die Rede - davon also, dass es Unternehmen und qualifizierte Arbeitskräfte in Städte mit einem reichen Kulturleben zieht. Empirisch ist das schwer zu erfassen. Wissenschaftler des Jenaer Max-Planck-Instituts für Ökonomik versuchten jüngst nachzuweisen, dass die wirtschaftliche Entwicklung dort günstiger verlief, wo es schon vor Beginn der industriellen Revolution ein Opernhaus gab. Überwiegend handelt es sich um frühere Residenzstädte. Ob sie ohnehin über bessere Startbedingungen verfügten, ob das kulturelle Leben wirklich die wirtschaftliche Blüte verursachte - das ist im Einzelnen nicht nachzuweisen.

Am Ende lässt sich über die Oper nicht eindeutig ökonomisch urteilen. Es bleibt die politische Entscheidung einer Bürgergesellschaft, ob sie diese deutsche Tradition fortsetzen will oder nicht.

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