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Kulturausgaben : Eine kleine Ökonomie der Oper

Das ist wenig im Vergleich mit den Gesamtausgaben von Bund, Ländern und Kommunen, die einschließlich Sozialversicherung bei rund einer Billion Euro jährlich liegen - davon gehen 0,2 Prozent an die Theater. Es ist zugleich ein relativ großer Anteil an den Kulturausgaben, insgesamt rund ein Viertel. Und es ist viel Geld für manch eine klamme Kommune, die ein großes Ensemble aus eigener Kraft finanzieren muss.

Wie gut ein Haus ausgestattet ist, das bestimmt oft die Geschichte. An ehemaligen Hoftheatern wie Darmstadt oder Kassel beteiligt sich bis heute das Land. Wo es früher keine selbständigen Fürsten, nur wenige Residenzen gab wie in Nordrhein-Westfalen, bleiben die Gemeinden auf den Kosten sitzen. Der Bund darf nichts geben, selbst wenn er wollte: Kultur und Bildung sind die letzten Kompetenzen, die den Ländern in Eigenregie geblieben sind.

Umstritten ist die These, die öffentliche Finanzierung sei eine Umverteilung von unten nach oben

Manche Kritiker des deutschen Theatersystems glauben, öffentlich finanzierte Opernaufführungen seien nichts anderes als eine Umverteilung von unten nach oben. Über die Sozialstruktur der deutschen Opernbesucher gibt es aber nur wenige empirische Untersuchungen. Eine Zuschauerbefragung des Soziologen Karl-Heinz Reuband in Köln und Düsseldorf ergab wenig überraschend, dass ein hohes Bildungsniveau viel stärker mit der Häufigkeit von Opernbesuchen zusammenhängt als ein hohes Einkommen - mit starken Abweichungen schon zwischen diesen beiden Städten.

Generell verfügen die Besucher der großstädtischen Häuser über ein höheres Bildungs- und Einkommensniveau als die Zuschauer in den kleineren Theatern. Das hängt mit unterschiedlichen Kartenpreisen zusammen, auch mit einer populäreren Programmgestaltung der Mini-Bühnen, die zudem für den bloß repräsentativen Auftritt weniger geeignet sind. Oft sind es Rentnerinnen mit schmalen Alterseinkünften, die in der Provinz die Stuhlreihen füllen. Da das reichste Zehntel der deutschen Bevölkerung rund die Hälfte der Einkommensteuer zahlt, wäre das sogar eine Umverteilung von oben nach unten.

Doch das sind die Extreme. Im Schnitt geht die Mittelschicht am häufigsten ins Theater, zugleich steuert sie - unter Einschluss der Sozialbeiträge - den größten Teil der Staatseinnahmen bei. Eine Kürzung der Kulturausgaben hätte unter diesen Vorzeichen einen paradoxen Effekt: Geschlossen würden zuerst die volksnahen kleinen Häuser, es blieben die vergleichsweise elitären Großstadtbühnen - und exklusive Festivals wie im österreichischen Salzburg. Wer den vermeintlich unsozialen Haushaltsposten Oper kürzt, verschärft nur die soziale Exklusion.

Bei den Gagen der Opern-Superstars gelten schon lange Marktgesetze

Dabei herrschen ausgerechnet im staatlichen Kulturbetrieb längst Marktgesetze. Das gilt vor allem für die Künstlergagen. Überall sonst im öffentlichen Dienst sorgt die Gewerkschaft für eine auskömmliche Untergrenze der Entlohnung und der Volkszorn für die Obergrenze. Die Kluft zwischen dem Gehalt der Bundeskanzlerin und den Einkünften eines gewöhnlichen Finanzbeamten ist angesichts des Tagespensums, das die Regierungschefin absolviert, noch vergleichsweise gering.

Nicht so bei den Opernsängern. Hier sind den Gagen, die immerhin auch aus Steuergeld beglichen werden, nach oben kaum Grenzen gesetzt. So erhielt die amerikanische Sängerin Cheryl Studer in München schon Ende der neunziger Jahre pro abendlichem Auftritt 25000 Mark, zuzüglich Probenhonorar. Gesunken sind die Gagen seither nicht, trotz mehrfacher Versuche, gemeinsame Obergrenzen festzulegen. Aber das Kalkül der Opernmanager ist einfach: Große Namen auf dem Programmzettel füllen das Haus, oft bei erhöhten Kartenpreisen. Da ist eine Abendgage von 10 000 Euro und mehr schnell wieder eingespielt. Nur wenige Großstadthäuser haben den Mut, lieber auf künstlerische Konzepte und talentierten Nachwuchs zu setzen als auf den teuren Starzirkus.

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