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Kommentar : Experimente mit Finnland

Ein wenig frischer Wind würde der finnischen Wirtschaft gut tun Bild: dpa

Nokia ist ein Schatten seiner selbst, und Finnland hat noch viele andere Sorgen. Doch das Land hat einen Plan.

          3 Min.

          Not macht erfinderisch. Die finnische Post, ein Staatsbetrieb, verliert jedes Jahr etwa zehn Prozent ihres klassischen Geschäfts, weil die Leute heute E-Mails schreiben, statt Briefe zu verschicken. Vor allem dienstags haben die finnischen Postboten deshalb ziemlich wenig zu tun. Es sei denn, jemand bestellt sie zum Gärtnern.

          Denn das erledigt die Post neuerdings auch. Im Sommer kommen die Briefträger bei Bedarf zum Rasenmähen, jetzt im Herbst zum Laubrechen. Zwei einstündige Einsätze kosten 75 Euro, für noch einmal 40 Euro nehmen sie das Laub auch noch mit zum nächsten Wertstoffhof.

          Weit weg von Schweden

          Wie die Post sucht ganz Finnland nach einem neuen Geschäftsfeld. Das Land, das vor nicht allzu langer Zeit noch als Europas Musterknabe galt, weil die Wirtschaft sich so prächtig entwickelte, die Schüler im Pisa-Test besser abschnitten als alle anderen und die Staatsfinanzen so gut in Schuss waren, ist seit der Finanzkrise 2008 zum Sorgenkind im Norden geworden.

          Besonders deutlich wird das im Vergleich zum Nachbarn Schweden: Dessen Bruttoinlandsprodukt lag, ähnlich wie das deutsche, schon nach einem einzigen Krisenjahr wieder auf dem zuvor gewohnten Niveau. Finnland hat diesen Punkt bis heute noch nicht erreicht. Die beiden Volkswirtschaften, die vorher im Gleichschritt unterwegs waren, trennen nun Welten.

          Unterschiedliche Probleme verstärken einander

          Dafür gibt es eine Reihe von Gründen: Nokia, einst das Aushängeschild der finnischen Industrie und wichtigster Mobiltelefonhersteller der Welt, ist nur noch ein Schatten früherer Tage, seit der Konzern den Trend zum Smartphone verpasst hat, der Apple und Samsung groß gemacht hat.

          Außerdem altert die finnische Bevölkerung stärker als der Rest Europas, was die Sozialkassen belastet und die Innovationskraft in manchen Firmen mindert. Und schließlich treffen die in der Krim-Krise von der Europäischen Union verhängten Sanktionen gegen Russland keinen anderen Staat so hart wie das benachbarte Finnland.

          Alles in allem: Der Wert der aus Finnland exportierten Waren ist in den vergangenen zehn Jahren um zehn Prozent gesunken, die Arbeitslosenquote ist von unter sieben auf mehr als neun Prozent gestiegen. Ein „asymmetrischer Schock“ ist das, was Finnland widerfahren ist, den ökonomischen Lehrbüchern zufolge: Ganz unterschiedlich gelagerte Probleme treten gleichzeitig auf und verstärken einander.

          Hoffen auf die Regierung

          Aber Not, das Beispiel der zur Gartenpflege eingesetzten Postboten zeigt es, macht erfinderisch. Seit anderthalb Jahren regiert das Land ein früherer Unternehmer namens Juha Sipilä. Was er den Finnen versprochen hat, ist beachtlich: Eine große Wirtschaftsreform soll dazu führen, dass 110000 neue Arbeitsplätze entstehen und die Produktivität um satte 15 Prozent zunimmt.

          Noch beachtlicher ist, dass Sipilä das Herzstück dieser Reform in harten Verhandlungen mit den Gewerkschaften tatsächlich durchgesetzt hat. Vom nächsten Jahr an werden die meisten Finnen drei Tage mehr arbeiten als gewohnt, weil Feiertage wegfallen. Außerdem bekommen sie weniger Urlaubsgeld. Und die Tarifparteien haben sich auf eine landesweite Nullrunde geeinigt.

          Ziele werden wohl nicht erreicht

          Nur in einem wichtigen Punkt musste Sipilä nachgeben: Er wollte den einzelnen Unternehmen mehr Freiheiten bei der Ausgestaltung von Arbeitszeiten und Bezahlung lassen, aber darauf ließen sich die Gewerkschaften nicht ein. Es wird sich also nichts daran ändern, dass der finnische Arbeitsmarkt vergleichsweise unflexibel ist, was vielen Fachleuten als eine der Hauptursachen für die mangelnde Dynamik der Unternehmen gilt.

          Die versprochenen 15 Prozent Produktivitätszuwachs wird es nach ihren Prognosen nicht geben. Aber die Lohnstückkosten werden um mindestens fünf Prozent sinken. Damit dürften finnische Waren deutlich wettbewerbsfähiger werden.

          Genug ist das Sipilä, der mit dem Verkauf seines IT-Unternehmens zum Millionär geworden und erst danach auf der Seite der liberalen Zentrumspartei in die Politik eingestiegen ist, noch lange nicht. Er will als Nächstes das Gesundheits- und Sozialsystem für private Anbieter öffnen, die Digitalisierung soll hier die Grundlage für viele neue Geschäftsideen werden.

          Pilotprojekt für Grundeinkommen geplant

          Für Furore im Ausland sorgt aber vor allem sein Plan, ein bedingungsloses Grundeinkommen zu testen. Zurzeit berät darüber das Parlament, noch vor Weihnachten soll es ein Pilotprojekt beschließen, damit nächstes Jahr ein Grundeinkommen von 560 Euro im Monat an 2000 Testpersonen ausgezahlt wird.

          Sipilä, dem unternehmerischen Ministerpräsidenten, geht es dabei nicht um die Ausweitung des Wohlfahrtsstaats, sondern um mehr Effizienz im Sozialsystem. Und darum, es Arbeitslosen schmackhafter zu machen, sich einen Job zu suchen.

          Not macht erfinderisch, das gilt auch für die Zusammensetzung der Regierungskoalition. Ihr gehören neben Zentrum und Konservativen auch die sogenannten Wahren Finnen an, angetreten als fulminante Europa-Kritiker und Hardliner in der Einwanderungspolitik. Dass Sipilä sich auf ihre Unterstützung einließ, war fast schon ein Skandal. Doch von ihrem einstigen Zauber ist wenig geblieben, ihre Extrempositionen konnten sie nicht durchsetzen, in den Umfragen hat sich die Zustimmung zu ihnen in der Bevölkerung halbiert. Dieses finnische Experiment jedenfalls scheint aufzugehen.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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